«Jassismus»: Wer jasst, ist ein sexistischer Rassist

«Jassismus»: Wer jasst, ist ein sexistischer Rassist

Nur weisse Leute, fast nur Männer, und der König sticht die Dame: Jassen fördert unbewusst Sexismus und Rassismus. Davon ist eine deutsche Forscherin überzeugt. Ein eingefleischter Jasser staunt. Und er geht davon aus, dass die Wissenschaftlerin wohl noch nie im Leben gejasst hat.

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von Stefan Millius am 5.5.2021, 16:00 Uhr
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Das Übel dieser Welt liegt in den Jasskarten. Oder wird mit diesen zumindest symbolisiert. Bei den Karten in der Deutschschweiz beispielsweise sind nur Männer zu sehen. In der französischen Version gibt es eine «Dame», aber die rangiert unter einem Mann, dem König. Und allesamt sind sie weiss. Kurz gesagt: Wer jasst, trägt die Botschaft mit, dass es keine anderen Hautfarben gibt und Frauen unterlegen sind. Das ist rassistisch. Und sexistisch.

Nach «Winnetou» die Jasskarten

Diese These durfte die deutsche Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt kürzlich in der «Schweiz am Wochenende» vorstellen. Die Frau ist keine Unbekannte, wenn es um politische Korrektheit geht. Letzten Sommer forderte sie, das beliebte Glacé der Marke «Winnetou» sei umzubenennen, weil in den gleichnamigen Filmen «eine gewaltsame rassistische Geschichte romantisiert» werde. Danach erhielt sie Morddrohungen, wie sie in einem Interview sagt.
Dennoch nimmt sich die Dame ganz bewusst jetzt ein noch grösseres Tabu vor: Den Schweizer Volkssport überhaupt, das Jassen. Egal, welches Set der gebräuchlichen Spielkarten sie unter die Lupe nimmt, sie kommt zum Schluss: Alle stehen «für die Dominanz des weissen, heterosexuellen Mannes.» Woher die Wissenschaftlerin weiss, dass der König oder der «Under» heterosexuell sind, erklärt sie allerdings nicht. «People of Colour» würden zudem einfach ausgeblendet. Das müsse man ändern, weil die Botschaft nicht harmlos sei:

«Frauen haben weniger Wert, weniger Bedeutung in der Gesellschaft – und nicht-heterosexuelle Personen oder schwarze Menschen müssen gar nicht berücksichtigt werden. Solche Bilder verfestigen sich in unserem Unterbewusstsein.»

Susan Arndt, Kulturwissenschaftlerin
Neu ist die Debatte nicht. Vor einem Jahr kam das Thema bereits in den deutschen Medien anhand der Skatkarten auf. Bube, Dame, König, Ass – Frauen sind untervertreten, und die Figuren sind «überwiegend weiss und blond, nie dunkelhäutig, und sie tragen auch kein Kopftuch», wie ein Beitrag des NDR mit leichtem Entsetzen konstatierte. Es klingt wie ein fleischgewordener Traum eines Ariers.

Ein Jassprofi hat das Wort

Spielen sich auf dem Jassteppich sexistisch-rassistische Dramen ab? Forscher und Medien debattieren seit Tagen darüber. Nicht zu Wort kamen bisher aber diejenigen, die es wirklich betrifft: Die Jasser.
Andreas Balsiger aus Bolligen im Kanton Bern ist ein intimer Kenner der Jasskultur. Er war viele Jahre Präsident des «Eidgenössischen Differenzler Jass Verbands», war verantwortlich für die Ausscheidungen in den Gemeinden für den «Donnschtig-Jass», hat zahlreiche Turniere organisiert und beantwortete für SRF als «Jass-Onkel» Zuschauerfragen. Wie er die aktuelle Debatte sieht, sagt er im Gespräch.
Andreas Balsiger, was haben Sie spontan gedacht, als die Jasskarten plötzlich zum Zeitungsthema wurden?
Man muss dazu wissen: Jasskarten sind um das 13. oder 14. Jahrhundert entstanden. Die Sujets geben das gesellschaftliche Leben von damals wieder. In den letzten 700 oder 800 Jahren hat sich diese Gesellschaft stark verändert, wir haben inzwischen andere Werte. Ich finde es problematisch, wenn etwas, das in der Geschichte so weit zurückgeht, nun einfach aus der heutigen Perspektive betrachtet und beurteilt wird.
Die deutsche Wissenschaftlerin sagt: Eben gerade, weil sich so vieles verändert hat, sollte man auch die alten Motive verändern.
Es ist doch schön, wenn Brauchtum und Gepflogenheiten von damals weiter gepflegt werden. Aus meiner Sicht muss man nicht alles laufend an die Aktualität anpassen.
Sind die Aspekte, die laut der Forscherin problematisch sind, bei Jassern eigentlich je ein Thema?
Nein, nie. Für uns geht es um den Wert der Spielkarten, sie bestimmen die Spielstrategie. Es könnten auch völlig andere Symbole mit demselben Wert sein.
Wenn es nur um den Spielwert geht, wäre es ja möglich, die Karten einfach anzupassen, so wie es die Dame fordert, beispielsweise mit einem neuen Set, das Geschlechter und Hautfarben berücksichtigt. Richtig?
Wir haben es in der Schweiz heute schon nicht ganz einfach mit zwei verschiedenen Kartensets, einem für die Deutschschweiz und der französischen Ausgabe, den sogenannten Piquetkarten. Jassen zwischen Deutsch- und Westschweizern ist oft schwierig bis unmöglich. Versuche einer Vereinheitlichung sind früher schon gescheitert. Nun noch neue Karten ins Spiel zu bringen, wäre daher problematisch.
Die These der Kulturwissenschaftlerin ist: Auch wenn Ihr Jasser keine Probleme seht, werden durch die Figuren unbewusst Sexismus und Rassismus gefördert. Sehen Sie diese Gefahr?
Das kann ich mir nicht vorstellen, ganz einfach, weil wir Jasser die Karten gar nicht aus diesem Aspekt betrachten. Für uns ist nur der Kartenwert entscheidend. Welche Hautfarbe eine Figur hat, spielt keine Rolle, und dass der König die Dame sticht, ist nur für die Spielstrategie wichtig. Wir interpretieren da nicht mehr hinein, das heisst für uns bestimmt nicht, dass eine Frau weniger wert ist als ein Mann. Zumal es übrigens auch Jassformen gibt, bei denen die Dame einen höheren Stechwert hat als der König.
Liegt das Problem vielleicht darin, dass die besagte Wissenschaftlerin einfach keine Jasserin ist?
Es scheint so. Denn sie beurteilt das Ganze nur aus einer theoretischen Sicht, nicht aus dem Spiel heraus, und sie macht sich Gedanken, die beim Jassen gar nicht entstehen.

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