«Ist es noch weit?»

«Ist es noch weit?»

Als die Sommer noch unendlich lang waren. Eine kleine Zeitreise. Und eine Prise gedanklicher Sonnenschein.

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von Dominique Feusi am 15.7.2021, 17:23 Uhr
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Sommerferien. Kindheit. Wie schön war die Zeit, als man sich um nichts kümmern musste, sondern einfach irgendwann mitgeteilt bekam, dass man fortan für fünf Wochen nicht zur Schule musste, ja ganz und gar vogelfrei war. Natürlich hatte man keine Ahnung, wie lange fünf Wochen sind. Die Sommerferien, das war eine gefühlte Ewigkeit, unendliche Weiten voller ungeahnter Möglichkeiten, ein neues, wildes Leben. Seltsamerweise fieberten die Eltern nicht ganz so enthusiastisch dem letzten Schultag entgegen.
Planlos glücklich
Wie schön war die Zeit, als man nichts planen musste, sondern sich völlig planlos auf die Rückbank setzte – also auf das Plätzchen, das man zwischen Koffern, Proviant und Hund, der mit pawlowschen Speichelfäden ekstatisch den Proviant anhechelte, noch fand – und sich in Abenteuerland chauffieren liess. Sicherheitsgurte? Gab es damals hinten nicht. Also es gab sie schon, aber wie meine Mutter zu einer Bekannten, die panisch danach fragte, sagte: «Die Gurte sind unter dem Sitz, das ist mir jetzt zu kompliziert!»
Es waren die 80er. Man hatte Angst vor dem Borkenkäfer und dem sauren Regen, war aber voller Zuversicht, dass einem hinten im Auto eh nix passiert.
Der Duft von Sommerregen auf Asphalt
Hitze. Petrichor, der Duft von Sommerregen auf Asphalt. Tagelang den «Köpfler» üben und dann trotzdem vor allen einen «Ränzler» hinlegen. Das Gerücht, dass sich das Wasser rot verfärbt, wenn man ins Becken pinkelt. Raketen-Glace. Meine Mutter, die vor dem Badi-Kiosk das Gesicht verzieht und sagt: «Das Fritteusen-Öl sollten sie aber auch mal wieder wechseln!»

Tagelang den «Köpfler» üben und dann trotzdem vor allen einen «Ränzler» hinlegen.


Nach dem Essen eine Stunde warten, bis man wieder ins Wasser darf! Und dann doch schon nach einer halben Stunde reinspringen. Mit dem Verdacht, dass das Wasser weiss, dass man was Verbotenes macht. Und die Angst, urplötzlich zu ertrinken, schwimmt aktiv mit.
Mein Vater, der nie in die Badi kommt und stets betont, man müsse es als Dienst an der Allgemeinheit verstehen: «Mich in Badehosen, das will wirklich niemand sehen!»
Oberschenkel wie ein Rollschinkli
Rote Rivella-Sonnenschirme. Barfuss übers Kies gehen. Schaffner-Spaghetti-Stühle, die Rillen wie bei einem Rollschinkli in die nackten Oberschenkel pressen. Der Grossvater, der am 1. August den Pyromanen rauslässt und eine halbe Feuerwerksfabrik abfackelt, «weil das Kind so Freude hat!», während sich das Kind, also ich, traumatisiert unter dem Tisch versteckt. Das Winnetou-Glace, das so gross ist, dass man es nie fertig kriegt, bevor der violette Teil über die Hand schmilzt.
Tra-tra-trallala
Im Auto gibt es nur die Audio-Optionen: Radio, das beim Reisen mehr schlecht als recht reinkommt, oder Kassette. Ich darf Kasperli hören, bis meine Mutter entnervt schreit: «Bei aller Liebe, aber wenn Jörg Schneider noch EIN EINZIGES Mal Tra-tra-trallala singt, dann werfe ich die Kassette in den Vierwaldstättersee!» Ich habe keine Ahnung, wer Jörg Schneider ist, frage aber lieber nicht.
Fortan kauft meine Mutter an den Autobahnraststätten Musikkassetten. «Like A Virgin» von Madonna und wir singen: «Like a viiiiirgin – touched for the very first time!», und meine Mutter, die Frau Lehrerin, ist sichtlich amüsiert. Und als grosser Leonard-Cohen-Fan kauft sie natürlich «I'm Your Man» und wir singen bis ins Tessin: «First we take Manhattan, then we take Berlin».

Die wunderbare Gewissheit, genau in diesem Moment am richtigen Ort zu sein. Und niemand muss es wissen.


Kein Internet. Keine sozialen Medien. Kein Mobiltelefon. Keine Angst, etwas zu verpassen. Sondern die wunderbare Gewissheit, genau in diesem Moment am richtigen Ort zu sein. Und niemand muss es wissen.
«Oh, da ist gar kein Film drin!»
Schöne Bilder speichert man im Kopf. Man kann sich etwas auch einfach nur ansehen. Geniessen. Ganz im Moment sein. Niemand hält irgendwo mit einem Mobiltelefon drauf. Vielleicht holt jemand dann doch noch die Familien-Kamera und man formiert sich zum Gruppenbild. Mein Vater programmiert den Selbstauslöser, was eine Raketenwissenschaft zu sein scheint.
Festgehalten wird das Ganze auf einem 24er oder 36er Film, der 36er wird jedoch nie ganz voll, weshalb meine Mutter uns mit der Kamera nachrennt, um «den Film fertigzumachen». Oder mein Vater sagt am letzten Ferientag: «Oh, da ist gar kein Film drin!» Und es ist nicht weiter schlimm, weil wir ja alle dabei waren.

Schöne Bilder speichert man im Kopf.


Sommerferien. Kindheit. Ach, wie schön war die Zeit, als man beim Wandern, im Auto oder im Zug nur eine einzige Aufgabe hatte, und zwar schon nach fünf Minuten in völliger Ernsthaftigkeit zu fragen:
«Ist es noch weit?»

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Die will doch nur spielen!

Dominique Feusi18.10.2021comments

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