«Ich konnte noch nicht gehen. Ich bin noch nicht fertig.»

«Ich konnte noch nicht gehen. Ich bin noch nicht fertig.»

18 Jahre lang führte der Walliser Sepp Blatter den internationalen Fussballverband FIFA. Seine Amtszeit ist noch immer Gegenstand juristischer Verfahren. Schweigen will Blatter aber weiterhin nicht, wie er im Gespräch zum Jahresende sagt.

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von Stefan Millius am 28.12.2021, 06:46 Uhr
Sepp Blatter. (Bild: zVg)
Sepp Blatter. (Bild: zVg)
Sepp Blatter, wie geht es Ihnen?
Im Moment gut. Ich kann sagen: Wenn es allen Leuten auf dieser Welt so gehen würde wie mir, dann wäre die Erde in Ordnung. Ich habe in den letzten Jahren einiges durchgemacht, aber es geht mir gut.
Sie wurden Anfang Jahr am Herzen operiert. Haben Sie das gut verdaut?
Ja, das war vor ziemlich genau einem Jahr. Im November 2020 bin ich an Corona erkrankt. Bei einer Kontrolle meines Herzens im Dezember stand schnell fest, dass es da ein Problem gibt. Ich wurde Mitte Dezember operiert, Anfang Februar 2021 bin ich wieder aufgewacht. Danach war ich einen Monat lang in einer anderen Klinik und schliesslich noch in der Rehabilitation in der Luzerner Klinik in Montana. Alles in allem war ich über drei Monate lang buchstäblich weg. Aber ich habe mich erholt, glücklicherweise war mein Hirn stets gut durchblutet. Ich hatte in den Phasen, in denen ich weggetreten war, Halluzinationen, aber wenn ich wach war, wusste ich stets, wer ich bin. Nur mein Bewegungsapparat ist noch nicht ganz olympiareif.
Es fällt schwer, Sie sich vorzustellen in mehreren Monaten der Untätigkeit. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
Es gab Momente, in denen die Ärzte gesagt haben, sie könnten nichts mehr für mich machen. Meine Antwort war: Ich bin hier noch nicht fertig, meine Mission ist noch nicht beendet. Ich wusste, dass für mich im Himmel noch keine Tür offen ist. Ich habe drei Monate verloren, diese Zeit fehlt mir, und ich will sie aufholen. Ich hoffe, dass mir dafür mit Gottes Hilfe noch ein paar Jahre bleiben.
Sie sind 85 Jahre alt und sprechen nach wie vor von verlorener Zeit und von einer Mission. Was treibt Sie an?
Ich bin vor rund 46 Jahren in den Fussball eingestiegen. In all diesen Jahren war das meine Passion, meine Leidenschaft und eben auch meine Mission. Wir müssen wieder Ruhe einkehren lassen im internationalen Fussball. Es wird zu viel gestritten, es gibt zu viele unnötige Diskussionen. Beispielsweise die Debatte über eine Weltmeisterschaft alle zwei Jahre oder auch die Unklarheiten im Schiedsrichterwesen. Da möchte ich weiter meinen Beitrag leisten.
Sie haben stets die gesellschaftliche Bedeutung des Fussballs betont. Andere sagen: Es ist doch nur ein Spiel. Worin liegt für Sie diese grössere Bedeutung?
Fussball wird es immer geben. Das Kicken ist eine instinktive Bewegung des Menschen; das beginnt schon im Mutterleib, das Kind im Bauch will Fussballer sein, nicht Boxer, es kickt. In jeder Kultur hat man stets versucht, etwas Rundes zu finden, einen Ball. In China hat man das schon getan, als wir in Europa noch nicht einmal wussten, dass die Erde eine Kugel ist. Die Grundlage dieses Spiels ist ein Ball und ein Ziel – Tore zu schiessen. Jeder mag Bälle, jeder Mensch hat Ziele, diese Kombination macht Fussball so populär. Über zwei Milliarden Menschen sind direkt oder indirekt in den Weltfussball integriert. Deshalb spielt er eine wichtige soziale und kulturelle Rolle.
Es ist schwierig, sich Sie im Ruhezustand vorzustellen. Wie sehen Ihre aktuellen Tätigkeiten aus, Ihr Alltag?
Ich pflege immer noch mein Beziehungsnetz aus verschiedenen Persönlichkeiten und Organisationen und treffe mich regelmässig mit ihnen. Auch Medienanfragen erhalte ich nach wie vor viele. Dazu kommen Vorträge, die ich gebe, nicht nur zum Thema Fussball, auch zu Managementfragen, in denen ich etliche Erfahrung habe. Ich mache das gerne, solange ich kann, es gibt mir auch die Bestätigung, dass ich nach wie vor am Leben bin.
Diese Zusammentreffen sind ja eher informeller Natur, aber einst waren Sie am Schalthebel des internationalen Fussballs. War Ihre Mission damals dieselbe wie heute?
Ab 1974 war ich Teil der FIFA. Wir haben sie vom kleinen Verband zu einer mächtigen Organisation aufgebaut mit über 100 Verbänden zum Zeitpunkt meines Ausscheidens. Mit dem Einstieg des Fernsehens als Sponsor ist die FIFA auch wirtschaftlich zum bedeutenden Faktor geworden. Dadurch ist automatisch auch eine Beziehung zur Politik entstanden. Ich habe jedoch immer gesagt: Der Fussball hat eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, die Politik soll aber nicht eingreifen ins Spiel. Als ich 2016 unsanft aus dem Verband gedrängt wurde, war dieser eine Weltmacht mit einem Milliardenumsatz und mit Milliarden an Reserven. Ich kann heute nicht mehr direkt in die Dossiers der FIFA eingreifen, das ist richtig, aber ich kann meine Meinung sagen. Mein Vorgänger Joao Havelange hat mir einmal gesagt: «Sepp, du hast ein Monster kreiert.» Ein Monster muss man kontrollieren, man darf es nicht explodieren lassen. Ob man auf mein Wort hört, ist aber natürlich eine andere Frage.
Was soll man denn konkret hören? Wie sieht diese Botschaft aus, die Sie auch heute noch verbreiten wollen?
Es geht um die Wurzeln des Fussballs. Sie reichen bis hinunter in jedes Dorf. Man sollte nicht immer nur noch mehr investieren in die obersten Bereiche wie im erwähnten Beispiel der WM alle zwei Jahre. Es besteht die Gefahr, dass der internationale Spielkalender überlastet wird mit den immer gleichen Clubs und Spielern. Stattdessen müssen wir den Fussball in der breiten Gesellschaft weiterentwickeln, bis ganz nach unten. Ein anderes Thema, das mir am Herzen liegt: Die Rolle des Fussballs für die Gesundheit. Wir haben in der FIFA seinerzeit Gesundheitsprogramme lanciert, die inzwischen reduziert wurden. Dabei hat dieser Sport das Potenzial, die allgemeine Gesundheit zu beeinflussen.
Gesundheit ist ein gutes Stichwort, sie ist aktuell ein Thema wie kaum je zuvor. Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation rund um Corona um, mit den Veränderungen auf den Alltag, um? Machen Sie sich Gedanken darüber, beispielsweise über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft?
Sehen Sie, das ist eben genau ein Beispiel dafür, welche Rolle Fussball spielen kann, in den zwei Milliarden Menschen in irgendeiner Weise involviert sind. Gerade jetzt wäre es wichtig, Einigkeit zu zeigen, der zweigeteilten Gesellschaft entgegenzuwirken. Die FIFA hätte eine wichtige Botschaft in dieser Zeit, die sie verbreiten müsste, statt sich nur mit sich selbst und der wirtschaftlichen Optimierung zu beschäftigen. Darin liegt eine riesige Chance, ich hoffe, dass sich etwas in diese Richtung bewegen wird. Dass die Einigkeit wieder betont wird.
Ihnen selbst ist kein ruhiger Lebensabend gegönnt, es gibt noch juristischen Nachholbedarf aus Ihrer Zeit bei der FIFA (siehe Box unten). Belastet Sie das oder sehen Sie es gelassen?
In einer ersten Phase hat mich das Ganze schon berührt, all die Vorwürfe gegen mich. Inzwischen sehe ich es gelassen. Wenn ich im nächsten Jahr ein Aufgebot vor Gericht erhalte, sehen wir weiter. Aber es belastet mich derzeit nicht, gerade in der Adventszeit ist das für mich weit weg. Natürlich ist es unangenehm, sich damit befassen zu müssen, vor allem auch für meine Familie, aber sie geht gut damit um. Die Menschen an meiner Seite wissen, wer ich bin, sie wissen, dass ich ein gutes Herz habe - und auch ein reines Gewissen.
Sie pflegen zu sagen, dass Sie nicht an den Tod denken. Wenn Sie nun doch mit bald 86 Jahren eine Lebensbilanz ziehen: Wie sieht diese aus?
Ich war privilegiert, ich durfte so vieles erleben. Aber für diese Privilegien musste ich auch etwas leisten, etwas erschaffen. Für meine Aufgaben musste ich immer mit Herz und Seele ganz dabei sein. Was ich dabei manchmal vergessen habe: Dass es auch eine Zeit der Ruhe braucht dann und wann, für sich selbst, für die Gesundheit und die Familie. Das ist mir nicht ganz gelungen. Ich bin ein gläubiger Mensch, in meiner Bilanz danke ich Gott für mein interessantes Leben. Ich bin mir bewusst, dass ich am Lebensabend angelangt bin, ich bin vorbereitet, aber ich hoffe und bete, dass mir noch einige Jahre bleiben und ich sie geniessen und nutzen kann.

Prozess im kommenden Jahr?

Seit sechs Jahren läuft ein Strafverfahren gegen Sepp Blatter und Michel Platini, die früheren Präsidenten der FIFA und der UEFA. Vorgeworfen wird beiden unter anderem Betrug im Zusammenhang mit zwei Millionen Franken, die Platini vor zehn Jahren von der FIFA erhalten hat. Das Verfahren der Bundesanwaltschaft dümpelte lange vor sich hin. Nun scheint es in Bewegung zu kommen. Beobachter rechnen damit, dass es 2022 zum Prozess kommen könnte.

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Stefan MilliusHeute, 17:00comments

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