«Ich kann den perfekten Partner ja auch nicht schnitzen»

«Ich kann den perfekten Partner ja auch nicht schnitzen»

Mit ihrer Vermittlungsagentur führt Kathrin Grüneis bereits seit zehn Jahren erfolgreich Singles zusammen, die dann als Paare enden. Doch was machen neue Dating-Angebote wie Tinder mit den Singles in der Schweiz?

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von Fabienne Niederer am 7.9.2021, 12:30 Uhr
In ihrem Büro an der Zürcher Löwenstrasse empfängt Kathrin Grüneis täglich Kundinnen und Kunden, 
die nach dem perfekten Partner suchen. Foto: Fabienne Niederer
In ihrem Büro an der Zürcher Löwenstrasse empfängt Kathrin Grüneis täglich Kundinnen und Kunden, die nach dem perfekten Partner suchen. Foto: Fabienne Niederer
Anfang August haben wir mit vier jungen Frauen die moderne Dating-Szene beleuchtet und mit ihnen darüber gesprochen, welchen Frust das Kennenlernen über Tinder und Co. bedeuten kann. Den vollständigen Artikel dazu finden Sie hier.
Als Fortsetzung dazu konnte nun Kathrin Grüneis einen Einblick aus einer anderen Perspektive geben: Mit ihrem Vermittlungsbüro in Zürich bietet die 54-Jährige gewissermassen eine Offline-Version der beliebten Dating-Apps an. Sie sagt: Online-Dating hat zwar seine Vorteile – es hemmt aber auch die freie Kommunikation unter den Menschen.
Frau Grüneis, Sie bieten ein Angebot an, das grundsätzlich auch heute noch oft als seriöser angesehen wird als die modernen, kostenlosen Dating-Apps. Trotzdem werden diese Plattformen immer beliebter. Sehen Sie Tinder und Co. daher als Konkurrenz an?
Ich würde Tinder nicht zwingend als Konkurrenz betrachten. Die Schwierigkeit im Online-Dating und auch in der Paarvermittlung liegt darin, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich selbst war auch schon Kundin bei einer Vermittlung, als ich auf der Suche nach Partnern war, die es ernst meinen. Und ich habe die Schweizer als sehr verschlossen erlebt, gerade im Vergleich zu Deutschland, wo ich herkomme. Diese Zurückhaltung macht es einem nicht gerade leichter, jemanden kennenzulernen. Vor allem, wenn man Studium oder Berufsausbildung schon abgeschlossen hat, kann es schwierig sein, neue Leute zu treffen. Genau dafür gibt es ja auch diese Vermittlungs-Plattformen. Und wenn die Kunden da auf einen zukommen, einen Termin vereinbaren, ein Gespräch führen und schliesslich Geld in die Hand nehmen müssen, dann ist die Absicht natürlich eine ganz andere, als wenn ich auf Tinder mit einem Klick bedient werde.
Schliessen Sie tiefgehende Beziehungen über Tinder aus?
Nein, das soll auf keinen Fall bedeuten, dass seriöse Beziehungen über Tinder unmöglich sind: Meine Cousine hat ihr Tinder-Date sogar geheiratet! Schlussendlich ist Online-Dating aber einfach eine weitere Möglichkeit, jemanden kennenzulernen.
Bewegt sich in dem Fall ohnehin eine ganz andere Klientel auf Tinder, als Sie betreuen?
Teilweise schon. Gerade weil Tinder kostenlos ist, zieht es ganz andere und oft auch jüngere Menschen an, als diejenigen, die sich bei meiner Vermittlung melden. Immerhin geht dann die Spontanität verloren, denn anders als auf Tinder braucht es bei einer Vermittlung etwas mehr Zeit, bis zwei Partner einander vorgestellt werden können. Und natürlich überlegt man es sich zwei Mal, ob man nun für ein Angebot Geld bezahlen will, wenn man das vermeintlich Gleiche auch online findet. Auch Anonymität spielt eine Rolle dabei, wer sich für mein Angebot entscheidet: Ich habe schon viele Kunden betreut, die beispielsweise im oberen Kader eines Unternehmens zu finden sind und deshalb auch schlichtweg nicht möchten, dass jeder weiss, dass sie sich auf Tinder bewegen.

«Die Leute wollen nicht zugeben, dass sie manchmal Hilfe von Dritten annehmen müssen.»


Ist Online-Dating also auch heute immer noch mit Scham verbunden, oder haben die Menschen das schon längst hinter sich gelassen?
Nein, die Scham ist durchaus noch da. Das hat aber weniger mit den Dating-Plattformen an sich zu tun, sondern mit dem generellen Stolz der Leute: Sie wollen nicht zugeben, dass sie manchmal Hilfe von Dritten annehmen müssen. Und das ist auch nicht nur im Dating so: Genauso wenig möchte man zum Beispiel zugeben, wenn man regelmässig einen Therapeuten aufsucht, auch wenn man sich dafür ebenso wenig schämen müsste.
Denken Sie, dass sich das noch bessern wird?
Vielleicht wird sich ein Umdenken da noch einstellen. Bei anderen Kulturen ist es ja schon völlig normalisiert, dass man den Partner übers Internet kennenlernt, und auch in der Schweiz kommt es grundsätzlich immer häufiger vor.
Im Interview haben die Frauen oft davon berichtet, wie frustriert sie vom Online-Dating geworden sind, weil sich der langfristige Erfolg oft nicht einstellen wollte. Haben Sie diese Gefühle auch bei Ihren Kundinnen und Kunden beobachtet?
Das habe ich auch so miterlebt, ja, auch wenn die Gründe für den Frust jeweils unterschiedlich waren. Ein Thema – und auch ein Grund, weshalb die Leute sich dann an mich wandten – war oft die fehlende Bereitschaft, den Kontakt auch über lockere Bekanntschaften hinaus zu halten. Gerade im jüngeren Teil der Gesellschaft ist das meiner Meinung nach ein Problem. Man ist immer weniger dazu bereit, eine ernsthafte und feste Beziehung einzugehen und auch entsprechend Zeit zu investieren. Plattformen wie Tinder tragen da definitiv dazu bei. Bei jedem Date denkt man sich: «Wenn ich jetzt die App aufmachen würde, dann würde ich bestimmt noch jemand besseres finden.» Das wirkt als eine Art Blockade.

«Bei jedem Date denkt man sich: Wenn ich jetzt die App aufmachen würde, dann würde ich bestimmt noch jemand besseres finden.»


Denken Sie, dass Online-Dating in diesem Zusammenhang sogar Suchtpotenzial hat?
Ich denke, gerade bei dieser vermeintlichen Auswahl werden einem oft mehr Möglichkeiten vorgegaukelt, als man tatsächlich hat, um die Nutzer auf der Plattform zu halten. Dabei garantiert es nichts für die eigentliche Beziehung, die schliesslich daraus entstehen könnte.
Viele Menschen sahen gerade im letzten Jahr Online-Dating als letzte Möglichkeit, ihr Sozial- und Liebesleben noch erhalten zu können. Haben Sie in der Zeit auch bei sich einen Kundenanstieg erlebt?
Auf jeden Fall! Als der Lockdown gerade begann, war zuerst gar nichts los, Kunden haben ihre Termine bei mir sogar gecancelt. Aber dann plötzlich sind die Leute von überall her gekommen und ich habe seitdem zwei Mitarbeiterinnen einstellen müssen, um den neuen Anstieg betreuen zu können. Kurzzeitig wurde es tatsächlich auch ein wenig zu viel für mich. Neuzugänge, das «Frischfleisch» sozusagen, sind ja extrem wichtig für unser Angebot, deshalb war es umso schwieriger, auch mal Nein zu sagen.
Bei welchen Kunden müssen Sie aber tatsächlich sagen: «Tut mir leid, Sie kann ich nicht betreuen»?
Natürlich versuche ich, jedem zu helfen, aber gerade das Alter spielt schon eine wichtige Rolle für die Auswahl. Weil meine Kunden grundsätzlich etwas ernstes und langfristiges suchen, nehme ich zum Beispiel niemanden auf, der jünger ist als 25. Das macht schlichtweg keinen Sinn. Sie würden auch nicht in meinen bereits vorhandenen Kundenpool passen, da der Altersdurchschnitt eher bei Mitte dreissig liegt. Meine jüngste Kundin aktuell ist 28 – mein ältester Kunde ist sogar 82 Jahre alt.
Mit welchen Erwartungen wenden sich Ihre Kunden an Sie?
Die Erwartungen sind durchmischt, grundsätzlich sucht man aber schon nach einem Partner fürs Leben. Das ist ein Anspruch, der mich zwischenzeitlich ziemlich unter Druck setzt – schlussendlich kann ich den perfekten Partner ja auch nicht schnitzen. Es geht eher darum, unter den Erwartungen beider Seiten eine möglichst grosse Schnittmenge zu finden, und das bedeutet manchmal eben, Kompromisse einzugehen. Würde man den Partner ganz klassisch bei der Arbeit oder in einer Bar kennenlernen, wäre das ja auch nicht anders.
Und wie gehen Sie da vor?
Die strikten Erwartungen, mit denen die Leute zu mir kommen, versuche ich manchmal zu widerlegen und das Bild, das man im Kopf hat, zu lösen. Und ich bin dann durchaus bereit, meine Entscheidung zu rechtfertigen und zu erklären, wieso derjenige jetzt gut zu einem passen könnte – auch wenn er nicht 1.90 Meter gross ist oder mehr als 30 Kilometer entfernt wohnt.
Über diese Oberflächlichkeit haben auch die Interviewpartnerinnen geklagt, wenn sie sich auf Tinder bewegen. Sie versuchen also, dem entgegenzuwirken?
Genau! Durch mich können die Singles diesen Schritt des nach-rechts-swipens, bei dem man fast nur aufgrund des Aussehens entscheiden kann, überspringen. Der Fokus wird anders gesetzt, denn zum Zeitpunkt, als sich die Kunden zu einem Date treffen, habe ich bereits mit beiden Seiten gesprochen und kann herausspüren, ob da eine Verbindung entstehen könnte. Durch die Gespräche merke ich ausserdem oft, dass sich die Kunden selbst näher kennenlernen und sich bewusst machen, was sie sich eigentlich von einem Partner wünschen.
Sehen Sie Online-Dating insgesamt also eher als Fortschritt an oder vielleicht sogar als Rückschritt?
Grundsätzlich sage ich schon lange: Wenn es diese Vermittlungs-Angebote nicht gäbe, dann würden die Schweizerinnen und Schweizer aussterben. So gesehen ist Online-Dating als Innovation also ein Segen, denn es erleichtert das Kennenlernen sehr. Aber es gibt auch die Schattenseite dazu: Meiner Meinung nach hemmt das Kennenlernen übers Internet die freie Kommunikation, die offline stattfindet. Die Leute reden nicht mehr miteinander, es fehlt der Augenkontakt, wenn der Blick im Bus oder Tram nur noch auf das eigene Smartphone gerichtet ist. Trotzdem unterstütze ich schlussendlich alle Formen, mit denen Leute ihren Traumpartner finden. Ich bin ohnehin der Ansicht: Jeder Topf hat einen passenden Deckel! Man muss ihn nur finden.

Die Frau für alle Single-Fälle

Kathrin Grüneis arbeitet bereits seit 10 Jahren in einer eigenen Praxis als Partnervermittlerin und empfängt dort besonders Kundinnen und Kunden aus dem Grossraum Zürich, die sich von ihr eine bessere Hälfte finden lassen. Insgesamt betreut Grüneis über 600 Singles, darunter auch alleinerziehende Mütter und Väter sowie Senioren. Privat ist die gebürtige Bayerin selbst seit vier Jahren glücklich verheiratet und lebt mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter aus erster Ehe im Zürcher Kilchberg.

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