Matthias Aebischer und seine vielen «Pöschtli»: «Ich bin ein Trottel»

Matthias Aebischer und seine vielen «Pöschtli»: «Ich bin ein Trottel»

Im Unterschied zu vielen anderen Politikern, so Matthias Aebischer, würde er alle Interessensverbindungen angeben. Der Hansdampf der Schweizer Politik sitzt in fast jeder zweiten Parlamentarischen Gruppe.

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von Beni Frenkel am 30.4.2021, 15:03 Uhr
SP-Nationalrat Matthias Aebischer Bild: matthiasaebischer.ch
SP-Nationalrat Matthias Aebischer Bild: matthiasaebischer.ch
Es gibt zwei Berufsleben von Matthias Aebischer. Im ersten war er Journalist. Zuerst vier Jahre beim Radio (Förderband und DRS), danach sieben Jahre beim SRF, wo er unter anderem die Tagesschau moderierte.
Seit 2011 sitzt der Berner für die SP im Nationalrat. Und in 42 Parlamentarischen Gruppen, sowie in 23 Verbänden. Und dann noch in drei Kommissionen. Damit ist der 53-Jährige der Parlamentarier mit den meisten Pöschtlis. Aebischer scheint mittlerweile die Kontrolle verloren zu haben. Auf der Parlamentsseite schreibt er, dass er in etwa 55 Parlamentarischen Gruppen vertreten sei. Das wären dann mehr als die Hälfte der total 98 Gruppen.
Wie schafft man so etwas? «Ich arbeite sieben Tage die Woche, oft auch frühmorgens und spätabends», schreibt er zurück. Doch auch sieben Tage in der Woche reichen nicht aus, um diesen Berg von Arbeit seriös abzuarbeiten. Aebischer gibt zu: «Anlässe der Parlamentarischen Gruppen besuche ich sozusagen keine.» Nur dort, wo er im Präsidium sitze, mache er Ausnahmen: «Da muss ich durchschnittlich zwei Anlässe pro Jahr präsidieren.»
Diese Arbeit ist nicht schlecht bezahlt. Die Parlamentarische Gruppe Weiterbildung zahlt ihm - gemäs lobbywatch.ch - zum Beispiel 20'000 Franken im Jahr aus (*). Aebischer befindet sich dort im sechsköpfigen Präsidium. Das Sekretariat wird vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB geleitet. Der SVEB-Präsident heisst übrigens: Matthias Aebischer. Ehrenamtlich ist die Arbeit nicht. Als Präsident erhält er nochmals 20'657 Franken.
Aebischer ist nicht im Entferntesten undankbar. Einem Dozenten der Pädagogischen Hochschule Bern verschaffte er die Zutrittsberechtigung in die Wandelhalle. Auch politisch legt sich der ausgebildete Primarschullehrer ins Zeug. Schon zweimal brachte er eine Motion ein, um die Abschlüsse der höheren Berufsbildung aufzuwerten, zum Beispiel mit einem «Professional Bachelor».
Aebischers Herz schlägt aber nicht nur für die Weiterbildung, sondern auch für den Verband der Schweizer Kinderbetreuung, den Naturpark Gantrisch und Schweizer Kleinkunstszene. Fünf Verbände bezahlen ihm offiziell einen Lohn, pro Jahr knapp 70'000 Franken. Dabei handelt es sich um Pro Velo Schweiz, SVEB, Grand Prix von Bern, IG Musikinstrumentenbauer und Cinésuisse.
«Ich bin im Parlament wohl mehr oder weniger der einzige Trottel», meint Aebischer, «der all seine Mandate offenlegt. Denn die meisten geben ihre Beirats- und Patronatssitze zum Beispiel nicht an. Ich hingegen mache das.»
Und überhaupt: Er lege gerade die Wäsche zusammen, schreibt er. Jetzt auch noch Hausarbeit? Aebischer: «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und glücklich.»
(*) Matthias Aebischer schrieb nach Publikation dieses Artikels: «Ich erhalte für kein Präsidium einer Parlamentarischen Gruppe Geld.»
Und wie viel verdient ein Parlamentarier sonst? Gemäss einer Studie der Universität Genf aus dem Jahr 2017 verdienen National- und Ständeräte durchschnittlich über 150'000 Franken. Der Betrag setzt sich aus verschiedenen Entschädigungen, wie zum Beispiel Übernachtungspauschalen, zusammen, wie SRF News berichtete.


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