«Einen Hund würde man jetzt einschläfern!»

«Einen Hund würde man jetzt einschläfern!»

Vom Existieren und Ableben. Oder wie sich die «Blondine» in Anführungszeichen gleich mit zwei alten weissen Männern anlegt.

image
von Dominique Feusi am 22.4.2021, 19:48 Uhr
image
«Wir müssen über das Sterben reden.» Ja, ich hab’ auch gedacht, ich komm hier jeweils leichtfüssig mit etwas Lifestyle und Mode ums Eck, aber dann habe ich am Dienstag erfahren, dass ich gar nicht existiere. Tja, ich hab’s auch nicht gewusst, aber Rainer Stadler schrieb auf infosperber, dass ich beim Nebelspalter nur dem «gewissen optischen Kontrast» diene und in Wahrheit «das weibliche Alter Ego des Bundeshausjournalisten Dominik Feusi (er hat eine Rubrik, die er mit dem Bild einer «Blondine» schmückt)» bin.
image
Der mittlerweile korrigierte Beitrag auf infosperber.ch. Neu bin ich Autorin statt «Blondine». Phu!
Also bitte, dabei wissen doch alle, dass Blondinen nicht schreiben können! Oder gilt das nur für «Blondinen» in Anführungszeichen? Okay, «infosperber – sieht, was andere übersehen». Wenn ich jedoch so an mir runter sehe, bin ich – Moment, Faktencheck, ja, immer noch – eine Frau. Ohne Anführungszeichen. Und blond noch dazu. Oder Dominik, bin ich vielleicht du?

«Nöd Lupe! Suppe! SUPPE! WOTSCH NO SUPPE?»


So viel zum Schabernack. Wirklich aufgewühlt hat mich diese Woche das Nebelspalter-Interview «Assistierte Suizide sind eine Bankrotterklärung der Gesellschaft» von Alex Reichmuth mit Alterspsychiater Raimund Klesse, einem entschiedener Gegner der Sterbehilfe.
Ich wollte nicht darüber schreiben, da es tiefe Wunden aufreisst, da es um die schlimmsten Momente in meinem Leben geht und mir schon jetzt das Wasser in den Augen steht. Doch wenn Herr Klesse Angehörigen von Todkranken die Solidarität zu ihren Nächsten abspricht, weil sie Wege suchen, ihren Liebsten ein grauenhaftes Dahinsiechen zu ersparen, dann stockt mir der Atem vor Wut.
Ich musste hilflos zusehen, wie meine ganze Familie, ein geliebter Mensch nach dem anderen, stirbt. Es geschah innert weniger Jahre, eben war der lange Tisch in meinem Elternhaus noch voll, ich bin in einem Mehrgenerationenhaus aufgewachsen, wir sassen ständig zusammen, assen, schwoften, lachten, ja, schrien, weil die Grosseltern nicht mehr gut hörten («Nöd Lupe! Suppe! SUPPE! WOTSCH NO SUPPE?»), irgendwer stand beim Aufstehen garantiert dem bettelnden Hund auf den Schwanz («All halb Stund staht eine uf de Hund!»), es war immer sehr lustig und laut bei uns.

Weil man alles tun würde, sofort, ohne zu überlegen, das eigene Leben geben, wenn sie nur noch ein bisschen bleiben könnten.


Heute ist jeder Stuhl am langen Tisch leer. Und ich habe sie alle gehen gesehen. Ich war bei ihnen. Ich weiss, wie es ausschaut, wenn eine Krankheit einen geliebten Menschen auffrisst. Wenn sie weniger und weniger werden. Und wenn es einem das Herz zerreisst, weil man dem Leiden gegenüber so hilflos ist, weil man alles tun würde, sofort, ohne zu überlegen, das eigene Leben geben, wenn sie nur noch ein bisschen bleiben könnten.
Raimund Klesse: «Beim assistierten Suizid fällt aber ein Mensch das Urteil über einen anderen Menschen, der sich in seelischer Not befindet, dass das Leben dieses Leidenden keinen Wert habe. Sonst wäre er ja nicht imstande, ihm Gift zu geben.»
Solche Aussagen machen mich fassungslos. Nein, niemand, den ich beim Sterben begleitet habe, hat Exit gemacht. Alle waren angemeldet, aber Sterbehilfe ist im Spital verboten und Transporte waren keine Option mehr. Das ist das Einzige, das ich bereue. Dass ich zu lange gewartet habe, zu feige war. Dass ich ihnen das Leiden der letzten Tage und Stunden nicht erspart habe. Dass sie da durch mussten. Jede Minute, jede Sekunde war trotz Dormicum und Morphium zu viel. Denn Sterben ist nicht wie im Film. Es kommt keine schöne Musik und man sagt noch ein paar bedeutende Worte und macht dann zufrieden die Augen zu. Einigen Glücklichen ist das friedliche Einschlafen vergönnt. Was ich gesehen habe, war jedoch nicht friedlich, sondern nur schlimm.

Manchmal hüpft auch ein rosarotes Einhorn vorbei und verteilt ewiges Leben, wenn man sich nur ein bisschen um die Todkranken kümmert und mit ihnen redet.


Alex Reichmuth: «Viele Menschen sind aber unheilbar krank und wollen die letzten Tage oder Wochen nicht mehr erleben, etwa wegen starker Schmerzen.»
Raimund Klesse: «Wenn zum Beispiel Krebspatienten in einer Umgebung leben, in der man ihnen den Schmerz nimmt und sich um sie kümmert, dann verschwinden ihre Suizidwünsche fast immer. (...)»
Genau, manchmal hüpft auch ein rosarotes Einhorn vorbei und verteilt ewiges Leben, wenn man sich nur ein bisschen um die Todkranken kümmert und mit ihnen redet. Warum nur habe ich nicht daran gedacht?
Meine Mutter wurde auf der Palliativabteilung «mit gutem Stoff vollgepumpt», wie sie selber sagte. Sie war meist fröhlich, so fröhlich wie man eben beim Sterben sein kann. Ich weiss noch, wie ich neben ihr im Spitalbett lag, sie kraulte meinen Kopf, ich hielt ihre Hand, ein Sonnenstrahl fiel aufs Bett und sie sagte: «Ich hatte ein tolles Leben. Aber jetzt kann ich nicht mehr kämpfen. Wir waren immer ehrlich, ich kann nicht mehr so tun, als ob alles gut wird, auch nicht für euch. Das belastet mich.» Ich weinte ganz bitterlich und meine Mutter sagte: «Einen Hund würde man jetzt einschläfern. Aber als Mensch muss ich da durch. Wir müssen über das Sterben reden.»
Später habe ich ihr die Nägel gefeilt und mit einem neuen Lack – knallrot wie immer – angemalt: «Da steht, der hält 14 Tage!», sagte ich. «Ach Kind, ob das stimmt, werden wir auch nicht mehr erfahren!», grinste meine Mama. Und wir lachten, bis wir weinten und wieder lachten. Und da verstand ich, dass die bedingungslose Liebe eben auch das Loslassen ist.
PS: Ich denke, Pflegekräfte, die nicht anständig verdienen, sind eine Bankrotterklärung der Gesellschaft. Doch was weiss schon eine «Blondine».

Mehr von diesem Autor

image

Die will doch nur spielen!

Dominique Feusi18.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Werner Salzmann: Safety first

Nicole RuggleHeute, 12:30comments