«Eine Entwürdigung und Abwertung von Männern durch Frauen findet täglich statt»

«Eine Entwürdigung und Abwertung von Männern durch Frauen findet täglich statt»

Sieglinde Kliemen ist Co-Präsidentin des Vereins «Zwüschehalt» sowie Leiterin des Väter- und Männerhauses in Bern. In der Schweiz gilt die systemische Beraterin auf dem Gebiet der männlichen Opferhilfe als Pionierin.

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von Nicole Ruggle am 10.8.2021, 04:00 Uhr
Sieglinde Kliemen in ihrem Büro im Männerhaus Bern. (Foto: Nebelspalter)
Sieglinde Kliemen in ihrem Büro im Männerhaus Bern. (Foto: Nebelspalter)
Für die Reportage über das Männerhaus wurde mir die Adresse des Männerhauses nicht mitgeteilt. Die Standorte sind anonym. Warum?
Aus dem gleichen Grund wie bei den Frauenhäusern. Das Männerhaus ist ein Schutzhaus und soll die Betroffenen schützen. Deswegen bleiben die Standorte anonym.
Männer werden bei der Polizei oft nicht ernstgenommen, wenn sie eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstatten wollen. Obwohl offizielle Statistiken aufzeigen, dass es sich unter anderem um Delikte wie Tötungen, schwere Körperverletzung, sexuelle Nötigung oder Entführung respektive Freiheitsberaubung handelt.
In unserer Gesellschaft wird der Mann eher als Täter und nicht als Opfer wahrgenommen. Zudem assoziiert man mit den Geschlechtern auch bestimmte Eigenschaften. Frauen sind schwach, Männer stark. Männer hätten zudem mehr Macht, würden vom patriarchalen System bevorzugt. Das ist das allgemeine Bild, das in unserer Gesellschaft vorherrscht. Unter diesen Voraussetzungen ist es schwer, einen Mann auch als Opfer zu betrachten. Die Frau als Täterin zu sehen ist aber für unsere Gesellschaft ebenso schwer. Vor allem in Bezug auf Aggressionsformen, die man klassischerweise viel mehr mit Männern verbindet.
In einer emanzipierten Gesellschaft dürfte das Thema «Die Frau als Täterin» aber eigentlich kein Tabuthema mehr sein?
Das Problem ist, dass Männer sich selbst nicht gerne als Opfer sehen. Die Identifikation mit der Opferrolle ist schwierig. Man sieht dies zum Beispiel bei Jugendlichen deutlich, die das Wort «Opfer» abwertend gebrauchen. Männer lernen zudem, alles ertragen zu müssen. Je mehr ein Mann ertragen kann, desto stärker ist er, desto mehr kann er sich behaupten.
Dass aber gerade Väter zum Beispiel in ihrem Vatersein – aber auch in ihrer Würde als Mann – verletzlich sein können, muss man sich bewusst werden. Zudem sind sie durch ihre Kinder erpressbar, da den Frauen viel Macht über die gemeinsamen Kinder gegeben wird. Väter können bezüglich der gemeinsamen Kinder in der Regel nur verlieren, und sie verlieren leider sehr oft. Den Frauen ist das bewusst, sie wissen, dass sie in der stärkeren Position sind.
Wirklich?
Ja. Eine Entwürdigung und Abwertung von Männern durch Frauen findet täglich statt. Und dies überall in der Gesellschaft. Natürlich geschieht diese Abwertung auch umgekehrt, aber ich sehe hier keinen Unterschied. Wie oft macht man selbst im Alltag eine abwertende Geste, einen abwertenden Kommentar über das, was ein Mann empfindet, oder wenn er seine Emotionen zeigt?
Männer werden nicht selten von den eigenen Geschlechtsgenossen belächelt, wenn Sie sich als Opfer von häuslicher Gewalt outen. Wie wirkt sich das auf das Verhalten der Täterinnen aus?
Dieses Verhalten gibt den Täterinnen Macht. Solche Mechanismen nutzen diese Frauen zu ihrem Vorteil. Sie wissen, dass der Mann sich nicht «lächerlich» machen kann oder will – und sich deswegen im sozialen Umfeld selten Hilfe holt. Oft hält das Umfeld dann auch noch zur Frau.
Sie nehmen nicht nur Männer, sondern auch Kinder auf. Wie oft kommt es vor, dass durch Frauen misshandelte oder traumatisierte Kinder zu Ihnen kommen?
Wenn Kinder hier ankommen, sind sie immer schon misshandelt worden und traumatisiert. Wir haben solche Fälle jedes Jahr. Grösstenteils wurden sie übrigens sehr stark durch das Verhalten der eigenen Mutter geschädigt. Sehr oft haben diese Mütter selber psychische Probleme und können keine stabile Bindung zum Kind aufbauen. Man redet diesbezüglich auch von Bindungsstörungen.
Was raten Sie in diesen Fällen den Vätern?
Wir versuchen, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen oder vermitteln ihnen psychologische Fachpersonen, die die betroffenen Kinder unterstützen können. Mit den Behörden sind wir ebenfalls in Kontakt. Soweit möglich, versuchen wir die Väter während des Aufenthaltes hier im Männerhaus auch zu entlasten.
Wenn eine Mutter zu Hause ihre Kinder misshandelt: Welche Chance hat ein Vater, dazwischen zu gehen, ohne selbst zum Täter zu werden?
Für die Männer ist das ein Dilemma. Ein Vater, der aktiv dazwischen geht, wird sehr schnell als Täter abgestempelt, egal, was er macht. Wenn er nur schon die Hand von der Mutter hält oder sie zur Seite schiebt, wird er sofort beschuldigt, der Frau gegenüber gewalttätig geworden zu sein. Wenn eine Frau dies tun würde, dann wäre das Notwehr. Für Männer gibt es bei häuslicher Gewalt so etwas wie Notwehr eigentlich nicht. Das Einzige, was ein Vater in so einer Situation machen kann, ist, Kinder und Rucksack zu packen und das Haus zu verlassen.
Das heisst: Bei gewalttätigen Männern wird der Mann von der Polizei mitgenommen. Bei gewalttätigen Frauen muss ebenfalls der Mann das Haus verlassen?
Das ist die Regel, ja. Ich habe bisher nur ein einziges Mal gehört, dass eine Frau von zu Hause weggewiesen wurde. Dagegen habe ich schon viele Telefonanrufe von Männern bekommen, die mir erzählten, dass sie in einer Konfliktsituation selber die Polizei gerufen haben. Die Frau habe alles verdreht und den Mann als Täter hingestellt. Letztendlich durfte die Frau bleiben, der Mann musste gehen. Das kommt oft vor.
Können Strafanzeigen gegen Frauen helfen, solche Fälle in Zukunft zu verhindern?
Strafanzeigen sind sehr heikel, diese wirken immer eskalierend. Und gerade bei einem Vater geht dann die Rache oder die Gewalt der Ex-Partnerin über die Kinder weiter. Sie entzieht ihm die Kinder, weil sie mehr Macht über die Kinder hat und diese stark beeinflussen kann. Ausserdem kann ein Vater, wenn er sich von der gewalttätigen Partnerin trennt, die Kinder unter Umständen nicht mehr schützen.
Haben Frauen auch juristisch mehr Macht?
Ja. Ihnen wird mehr Zeit mit den Kindern zugesprochen. Mütter reden zudem oft die Väter bei den Kindern schlecht. Männer machen das in der Regel nicht, versuchen die Kinder eher zu schützen, reden selten abwertend über den anderen Elternteil. Frauen wird folglich mehr Glauben geschenkt. Man ist der Meinung, dass sie besser für die Kinder seien.
Der Verein «Zwüschehalt» erhält keinerlei staatliche Unterstützung. Der Grund: In 40 Prozent aller Fälle ist die Gewalt gegenseitig; das heisst, männliche Opfer sind oft auch Täter. Warum nehmen sie auch Täter auf?
Wo hört man denn mit der Opferhilfe auf? Gerade wenn beide Parteien in einen Konflikt verstrickt sind und ihren Teil dazu beigetragen haben, ist die Trennung zwischen den Rollen immer schwierig. Wir machen diese Trennung aber nicht. Denn in der Regel brauchen sowohl Opfer als auch Täter Hilfe. Ausserdem handelt es sich bei über 90 Prozent der Fälle um leichte Gewalt.
Also verzichten Sie auf die Kategorisierung von Tätern und Opfern?
Das Problem ist, dass in einem Streit immer beide Konfliktparteien durch das Gegenüber entwertet werden – deswegen rechtfertigt schlussendlich auch jede Seite den eigenen Angriff als Verteidigung. Es macht wenig Sinn, aufschlüsseln zu wollen, wer angefangen hat. Beide sind beteiligt.
Allerdings erlebe ich, dass Männer bezüglich ihrer Täterrolle sehr viel ehrlicher sind. Auch wenn sie in der Regel nicht stolz auf das sind, was sie getan haben. Ihre Ehrlichkeit wird ihnen aber oft zum Verhängnis. Trotzdem finde ich es wichtig, dass man aufrichtig bleibt. Wenn man seinen eigenen Anteil am Konflikt anerkennt, ist das auch immer eine Art von Gewaltprävention.

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