Somms Memo

«Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne» Von Putins Friedensschalmeien

image 21. Oktober 2022, 10:00
Französische Landschaft nach der Schlacht an der Somme, 1916.
Französische Landschaft nach der Schlacht an der Somme, 1916.
Die Fakten: 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, machten Deutschland und seine Verbündeten den Alliierten ein Friedensangebot. Diese wollten davon nichts wissen.

Warum das wichtig ist: Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig – aber beabsichtigt. Wenn Putin heute Frieden will, was können wir von 1916 lernen?


Seit gut einem halben Jahr herrscht in der Ukraine Krieg. Da und dort hört man, es sei an der Zeit, dass der Westen, insbesondere die USA, für Frieden sorgen
  • So könne es nicht weitergehen. Verhandeln jetzt!
  • Natürlich habe Putin (Russland) angegriffen, man verurteile das,
  • aber auch Selenski (Ukraine) sei kein Waisenknabe, er und sein Land müssten sich bewegen

Als es kürzlich danach aussah, als wäre der russische Präsident Wladimir Putin zu Friedensgesprächen bereit, erklang der Chor der Pazifisten noch hoffnungsvoller. Natürlich lehnte US-Präsident Joe Biden ein Treffen ab, und natürlich unterstellte man den Amerikanern sogleich schlechte Motive
  • Ihnen nütze der Krieg, denn sie wollten die Russen als Gaslieferanten ausschalten, damit sie ihr eigenes Gas in Europa verkaufen könnten
  • Wogegen «wir» Europäer das Nachsehen hätten: Flüchtlinge, Wirtschaftskrise, Chaos

Mit anderen Worten: «Ami go home!» heisst es wieder, wie einst die linken 68er riefen, wenn sie in den Strassen von West-Berlin demonstrierten, was sie nur konnten, weil die Amerikaner West-Berlin davor bewahrten, dass die Kommunisten auch hier regierten.
Mit Friedensverhandlungen ist es so eine Sache. Übermenschliches wird erwartet. Man muss dem Feind, der im Begriff ist, einen zu töten, die Hand hinstrecken, bevor er weitermacht. Haut er die Hand ab? Oder schüttelt er sie?
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Am 12. Dezember 1916 unterbreiteten Deutschland und seine damaligen Verbündeten Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich der sogenannten Entente, also Frankreich, Grossbritannien und Russland, ein Friedensangebot.
  • «Der furchtbarste Krieg, den die Geschichte je gesehen hat, wütet seit bald zwei und einem halben Jahr in einem grossen Teil der Welt», schrieben die Mittelmächte.
  • «Diese Katastrophe (…) droht, den geistigen und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trümmer zu legen

Im August 1914 war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, und nach kurzer Zeit hatte sich ein brutales Patt ergeben. Keine Seite kam mehr voran.
Zwar hatten die Mittelmächte Ende 1916 gerade Rumänien erobert – ebenso war es ihnen gelungen, die alliierte Offensive an der Somme, einem Fluss in Frankreich, abzuwehren, doch zu welchem Preis?
Es war die Schlacht der Giganten:
  • 154 Divisionen waren auf beiden Seiten gegeneinander losgestürmt, das waren 3,5 Millionen junge Männer
  • über eine Million von ihnen blieben tot auf dem Schlachtfeld liegen: 420'000 Briten, 200'000 Franzosen, 440'000 Deutsche

Wenn es je einen sinnlosen Krieg gegeben hat, dann diesen, wo die Kriegsgegner noch während des Krieges die Frage diskutierten, wozu sie überhaupt Krieg führten – und dennoch nicht aufhörten.
Einer der Verantwortlichen war der deutsche Kaiser Wilhelm II.
Er hatte schon im Juli 1914 stets zwischen Mordlust und Friedenssehnsucht geschwankt – in jener kritischen Zeit, nachdem ein bosnischer Terrorist den österreichischen Thronfolger und dessen Frau in Sarajewo ermordet hatte, (was zum Krieg führte):
  • An einem Tag schimpfte Wilhelm über den Zaren Nikolaus II., seinen Cousin, der sich auf die Seite von «Banditen und Königsmördern» gestellt habe: «Einer solchen Mentalität ist ein Germane unfähig, die ist slawisch oder lateinisch», aus Sicht des deutschen Kaisers ein harter, aber ironischer Vorwurf, zumal so gut wie alle Vorfahren des Zaren ebenfalls Deutsche waren
  • Am nächsten Tag schrieb er «Nicky», wie er ihn nannte, geradezu Liebesbriefe, wo er für Frieden warb und Vermittlung anbot: «Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter Willy»
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Wilhelm II. (1859-1941), deutscher Kaiser und Kriegsherr.
Ob Wilhelm II. den Krieg gewollt hat oder nicht, darüber zerbrechen sich seither die Historiker die Köpfe, feststeht: ohne Wilhelms toxisches Temperament wäre es kaum zum Krieg gekommen. Der Mann war ein Kommunikator der Katastrophe:
  • Unsicher, von Minderwertigkeitskomplexen verfolgt, aufbrausend und depressiv, sagte er wilde Dinge in unautorisierten Interviews, was halb Europa in Angst und Schrecken versetzte, während er insgeheim selber vor Angst und Schrecken zitterte
  • Zugleich hielt er sich für einen der grössten Herrscher aller Zeiten, nur Alexander der Grosse und Napoleon gehörten in seine Liga

Selten war ein Land wie Deutschland, wo doch mehrheitlich kompetente Menschen zuhause waren, von so einem inkompetenten Mann geführt worden. Das Resultat, die verheerendste Niederlage der Weltgeschichte, war unvermeidlich.
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1916 war es noch nicht so weit, doch im Grunde hätten die Mittelmächte schon jetzt aufgeben müssen, längst standen die Zeichen an der Wand.
Allerdings nicht für Wilhelm II., den aggressiven Melancholiker. Oder genauer: Je nach Stimmungslage.
Nachdem die Mittelmächte im Dezember 1916 ihr Friedensangebot an die Alliierten abgeschickt hatten, schrieb der Kaiser seinem Reichskanzler:
  • «Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notwendig ist, um die Welt von dem auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt»
Danach ging er zu seinem Zahnarzt, einem Amerikaner, der in Berlin seine Praxis unterhielt. Ihm sagte Wilhelm II.:
  • «Wir haben die englische und die französische Regierung schön hineingelegt, die ihren Völkern nun erklären müssen, weshalb sie nicht Frieden schliessen. Sie sind ganz wütend auf uns, dass wir sie derart überrascht haben»

Wenn er gar seinem amerikanischen Zahnarzt die geheime Strategie seiner Regierung offenbarte, dann war es wohl keine Überraschung, dass auch die Alliierten ihn durchschauten:
  • Solange Deutschland halb Frankreich besetze, kämen Friedensverhandlungen nicht in Frage
  • Die Entente lehnte das Friedensangebot dankend ab

Wilhelm II. zeigte sich masslos enttäuscht.
Wilhelm, Kaiser des Friedens. Wilhelm, Kaiser der Heuchelei.
Kurz darauf rief Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aus – wovor die eigenen Diplomaten stets gewarnt hatten, zumal Amerika als Neutraler davon betroffen war.
Im Februar 1917 brachen die USA deshalb ihre diplomatischen Beziehungen zum Kaiserreich ab, zwei Monate später erklärten sie Deutschland den Krieg. Jetzt war Deutschland zum Untergang verdammt.
Wenn wir Lehren für die Gegenwart daraus ziehen wollen, dann sind es vielleicht zwei Punkte:
  • Autokraten wie Wilhelm II. oder Putin bilden ein Klumpenrisiko für ihre Länder. Ihre Obsessionen und Dämonen werden zu den Leiden und Teufeln ihrer Länder
  • Wer Frieden will, macht Frieden, statt dass er darüber redet. Was hatte Deutschland daran gehindert, seine Truppen aus Frankreich und Russland abzuziehen? Nichts
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Nicole, deutsche Friedensvermittlerin. Sie gewann 1982 den «Grand Prix Eurovision de la Chanson». Sie war 15 Jahre alt.
«Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne Für diese Erde, auf der wir wohnen»,

sang die deutsche Schlagersängerin Nicole im Jahr 1982 – es wurde trotzdem weiter aufgerüstet. 1983 stationierte die Nato in Deutschland neue Atomraketen.


Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Wochenende Markus Somm


P.S. Ich fahre für eine Woche in die Ferien – und unterbreche meine Memo-Produktion. Das nächste Memo erscheint am 31. Oktober 2022. Ich bedanke mich für Ihr Interesse und Ihre Treue.

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