«Du chasch mir mal!»

«Du chasch mir mal!»

Was war Ihre schlechteste Anmache? Von oralen Freuden, Spitzbuben und Niederlagen. Oder wie ich auf die Knie gehen wollte und einen knallharten Korb bekam.

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von Dominique Feusi am 20.5.2021, 18:37 Uhr
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Ich mag nicht nur alte Chläuse, die faule Sprüche klopfen, sondern auch die grosse Kunst der faulen Anmache. Beide sind vom Aussterben bedroht, weshalb heute die faule Anmache eine Würdigung bekommt.
Die grosse Kunst der faulen Anmache beinhaltet NIEMALS Körperkontakt. Wer späteren Körperkontakt anstrebt, lässt seine Hände aus dem Spiel, denn dieses Match wird ausschliesslich mündlich geführt. Oder wie mein Deutschlehrer sagte: «Das machen wir alles oral!» «Und wer von uns beiden geht auf die Knie?» beförderte jedoch eine von uns beiden vor die Tür.
Spitzbub statt Stelzbock
Die grosse Kunst der faulen Anmache braucht Talent, Witz, sprachliches Geschick, viel Charme und diesen besonderen spitzbübischen Gesichtsausdruck, als hätten Sie gerade Kuchen gestohlen und eigentlich möchte man Ihnen den Hintern versohlen. Aber dieser Blick! Hach, du bekommst noch ein Stück! Huh, vielleicht lass’ ich dich auch nach dem ganzen Kuchen suchen.

Schönheit ist natürlich kein Nachteil, aber schönen Männern fehlt oft die Taktik.


Schönheit braucht es nicht. Schönheit ist natürlich kein Nachteil, aber schönen Männern fehlt oft die Taktik, denn sie brauchen sie schlicht nicht. Aber es braucht natürlich Mut. Den Mut, sich komplett zum Affen zu machen, die Schmach der Zurückweisung hinzunehmen, und sich dann den Staub von der Kleidung zu klopfen und wieder aufzustehen.
Denn schauen Sie zurück, was war Ihr grösstes Lehrstück? Es sind nicht die Siege, sondern die Niederlagen, die einen prägen, denn aus den Niederlagen lernt man fürs Leben.
Ganz spontanes Glück
Da war zum Beispiel der R., ein Illustrator, nicht gerade ein Adonis von Mann, aber mit viel kreativem Talent gesegnet. Ich war damals Creative Director in einer Werbeagentur, der R. arbeitete als Freelancer für mich und hatte viel mit meiner Assistentin, der M., zu tun. Die M. war klein, zackig und randvoll mit Temperament, mit welchem sie resolut die Arbeiten der Kreativen eintrieb. Wer nicht abgab, hatte ein Problem. Und mit der M. wollte man kein Problem.

«Hab' ich spontaner Fick gehört?»


Und doch oder vielleicht gerade deswegen schlurfte der R. eines Nachmittags entspannt in ihr Büro, setzte sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, dem Platz, wo sonst die Sünder der verpatzten Deadlines Busse taten, und fragte: «Wie wär’s so ganz spontan mit einem Fick?»
Alle Bürotüren standen offen, die Agentur war sehr ringhörig, denn schon rief der Art Director: «Hab' ich spontaner Fick gehört?» Und die M. rief: «Der hat mich nach einem spontanen Fick gefragt!» und der andere Art Director rief: «Lasst uns den R. auf den Schultern durch die Strassen tragen!» und fortan verging kein Tag und schon gar kein Meeting mitsamt obligatem: «Gibt’s noch Fragen?» Ohne: «Wie wär’s so ganz spontan mit einem Fick?»
Ja, der R. hatte uns mit seinem Akt alle so ganz spontan glücklich gemacht. Auch die M., welche die Geschichte am liebsten erzählte. Es ging schliesslich darum, wie begehrt sie doch war.
Grosse Jugendsünde
Ich war nicht ganz so begehrt. Jedenfalls in meiner Jugend nicht, später wurde ich natürlich extrem schön, okay? So für das innere Bild.
Denn faule Anmachen sind ja nicht nur faule Sprüche, es kann auch aus den falschen Beweggründen geschehen. Und ich möchte hier von meinem jugendlichen Gutmenschentum erzählen.
Ich war 13 und wuchs sehr schnell, und während allen, also wirklich ALLEN meinen Klassenkameradinnen ganz wunderbare Rundungen wuchsen, schien mein Körper komplett in Länge zu investieren. Es war ein Drama. Der Untergang der Welt. Meine Eltern nannten mich liebevoll «das lange Elend». Ich fühlte mich unverstanden. Aber vor allem fühlte ich mich lang. Und zur allgemeinen Erheiterung schlug ich mir ständig Kopf, Arme und Beine irgendwo an.

Aber amouröse Beziehungen mit dem langen Giganten wollte dann doch keiner unterhalten.


Die Buben waren alle, also wirklich ALLE kleiner als ich. Ich fühlte mich wie ein Gigant. Ich war nicht unbeliebt, aber amouröse Beziehungen mit dem langen Giganten wollte dann doch keiner unterhalten.
Dann kam der erste Fez. Natürlich ging ich hin und natürlich tanzte ich, schmiss meine langen Gliedmassen unkoordiniert hin und her und hatte Spass. Doch dann kam der Slow. Alle Mädchen wurden zum Tanz aufgefordert. Nur das lange Elend nicht.
Doch gegenüber, auf der Seite der Buben, stand ganz alleine der schwerhörige D. und sah todtraurig aus.
Also beschloss ich, all meinen Mut zusammenzunehmen, heroisch über die Tanzfläche zu gehen, und den D. zum Tanz aufzufordern. Es war wie in einem dieser Highschool-Filme, in denen die Schönen und Beliebten stets die netten Nerds und Aussenseiter traktieren, aber am Schluss immer das Gute gewinnt, und man eine Lehre fürs Leben mitnimmt. Und das hier war mein Film und ich war die gütige Protagonistin, das grossartige Mädchen, das durchdrungen von purer Nächstenliebe dem netten schwerhörigen Jungen seinen ersten Tanz schenkte.
Und dann sagte der nette schwerhörige Junge: «Nein! Du bist riesengross! Das isch nöd normal! DU CHASCH MIR MAL!»
Weinen Sie schon? Aber vergessen wir nicht, heute bin ich natürlich extrem schön.

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Stefan MilliusHeute, 09:00comments