«Du bist auch noch ein scharfes Büsi!»

«Du bist auch noch ein scharfes Büsi!»

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von Dominique Feusi am 15.4.2021, 18:37 Uhr
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I’m a Bitch, I’m a Büsi: Mein ambivalentes Weiblichkeitskonzept. Oder weshalb ich gerne mit alten Chläusen schäkere.

Ich mag alte Chläuse, die faule Sprüche klopfen. Ich muss lachen, wenn der alte Fritz sagt, dass ich ein scharfes Büsi bin. Dann frage ich ihn: «Wann heiraten wir?» Und er sagt: «Morgen. Falls ich das noch erlebe!»
«Wo hast du nur die langen Beine her?», sagt der Köbi, der vor der Migros auf seinem Rollator sitzt. «Aus dem Baumarkt, zwei für eins!», lache ich. Dann sagt der Köbi, dass er eben nur eins genommen habe, das ganz grosse, sehr lange. Na, klar, war eine Steilvorlage. «Jeder hat sein Päckchen zu tragen», sage ich. Und der Köbi fragt: «Was glaubst du, wofür der Rollator ist?»
Natürlich ist die Wahrheit halb so frivol. Köbi pflegt seine Frau, die vor zehn Jahren einen Schlaganfall erlitt. Es ist ein Kraftakt, er hat Rücken, keine Ahnung, wie lange er das noch schafft, doch er möchte, dass sein «liebes Marliesli noch möglichst lange daheim sein kann». Meist begegnen wir uns, wenn er ihr morgens in Zeitlupentempo «frische Gipfeli – noch lauwarm!» holt. Frauenverachtung schaut anders aus.
Fritz ist Witwer, er vermisst seine Frau, was mich berührt, da meine geliebte Mutter zehn Jahre vor meinem geliebten Vater verstarb. Auch er hat seine grosse Liebe sehr vermisst. Ja, wen wundert’s, auch mein Vater war einer, der gerne faule Sprüche riss. Doch nicht nur das. Er war auch äusserst galant. Erhob sich eine Frau vom Tisch, stand er jedes Mal auf. Half ihr in den Mantel. Hielt ihr die Türe auf. Alte Schule eben. Und ja, die kam von jung bis alt bei Frauen an.

Da flüsterte er: «Das interessiert mich nicht mehr.» Am nächsten Tag starb er in meinen Armen.


Im Spital bedankte sich mein Vater stets charmant bei den Schwestern. Wie gut sie zu ihm schauen würden. Das sei ja auch nicht lustig. Eine war zu Tränen gerührt. Als sie rausging, sagte ich zu ihm: «Hast du sie mal angesehen? Deine Krankenschwester ist nicht nur toll, wow, die ist wunderschön!» Da flüsterte er: «Das interessiert mich nicht mehr.» Und ich wusste, wenn mein Vater nicht mehr von der Schönheit einer Frau verzaubert ist, haben wir verloren. Am nächsten Tag starb er in meinen Armen.
Eine Ode an das Leben
Und deshalb flachse ich mit dem Köbi und dem Fritz. Natürlich gilt das nicht als «woke» und dennoch fühle ich mich dabei wach. Wir schäkern, weil wir noch am Leben sind. Es sind unschuldige Neckereien, ein kleiner Tanz, ein Komplimente-Austausch, denn auch wenn vierzig Jahre zwischen uns liegen, sind wir dennoch eine Frau und ein Mann, und jeder strengt sich an, dem anderen ein Lächeln zu entlocken. Das ist besser als Psychopharmaka.
Doch es sind Dinosaurier, welche durch Political Correctness und Wokeness aussterben werden. Deshalb bleibe ich dran. Und feiere die alten Chläuse mit den faulen Sprüchen, solange ich kann.

Misogynie kommt oft als Wolf im Schafspelz daher.


Nein, ich fühle mich durch ein Kompliment weder diskriminiert noch auf mein Aussehen reduziert. Sage ich einer Frau: «Du hast die Haare schön!», impliziere ich damit ja auch nicht, dass sie keinesfalls eine Koryphäe der Quantenphysik ist.
Denn Misogynie kommt oft als Wolf im Schafspelz daher. Wir haben einen Frauenhasser in der Nachbarschaft. Er fährt Cargo-Velo, gibt sich grün, macht irgendwas wahnsinnig Wichtiges mit Kultur und lässt im Quartier seine Wutanfälle gerne an Frauen aus. Am liebsten an solchen mit Migrationshintergrund. Bis dann der Mann kommt. Dann verkrümelt er sich schnell. Und meiner sagte mit hämischem Grinsen im Gesicht: «Ich freu’ mich, wenn der auf dich trifft! Ich werde zusehen, wie du den zum Frühstück frisst. Der kennt den Poltergeist noch nicht!»
Tja, er hat den Poltergeist dann kennengelernt. Mitsamt der Bitch, die vom Poltergeist besessen ist und nebenher den Todesstern baut. Aber sonst bin ich ein Büsi. Manchmal sogar ein scharfes. Miau.
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