«Bahn 2050»? Die Schweiz braucht den «TGV sous terrain»!

«Bahn 2050»? Die Schweiz braucht den «TGV sous terrain»!

Der Bund bahnt den nächsten grossen Bahnausbau. Nach 2035 geht es weiter mit «Bahn 2050». So weit, so gut. Wäre es aber in Anbetracht der doch eher bescheidenen Anteile des öffentlichen Verkehrs im Personenverkehr nicht angebrachter, wieder «etwas grösser» zu denken?

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 8.6.2021, 09:00 Uhr
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Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs bleibt ganz oben auf der politischen Agenda. Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet hat, will der Bund den Anteil des öffentlichen Personenverkehrs bis 2050 verdoppeln. Im Jahr 2019 lag dieser Anteil des Personenverkehrs bei 20,7 Prozent. Im Jahr 2050 soll er nach den Vorstellungen des Bundesrats bei 42 Prozent liegen. Der Name des Projekts: «Bahn 2050».
Was man wissen muss: In den letzten 21 Jahren hat der öffentliche Verkehr kaum hinzugewonnen. Im Jahr 2000 waren es 17,2 Prozent im Personenverkehr, welche den öffentlichen Verkehr nutzten. Dann kam ein leichter Anstieg, und seit 2005 stagniert es bei rund 20 Prozent.

Einfache Antworten sind billig

Ich zähle mich zu jenen Liberalen, die – nicht nur beim Verkehr – für Kostenwahrheit plädieren. Von daher müsste der motorisierte Individualverkehr teurer sein, als er heute ist. Die Frage ist natürlich stets, was in die «Kostenwahrheit» so alles hineingerechnet wird. Zum Beispiel wird einer, der verneint, dass CO2 etwas mit der Klimaerwärmung zu tun hat, selbstverständlich diesbezüglich keine derzeitigen oder zukünftigen Kosten einrechnen. Ein Grüner tut es. Das heisst: Der Terminus Kosten-«Wahrheit» ist heikel (was, nebenbei bemerkt, für das Wort «Wahrheit» eigentlich nahezu immer gilt).
Wie dem auch sei. Ich glaube, dass im Verkehrswesen durch das «Weglassen der menschlichen Komponente» von Annahmen und Erwartungen ausgegangen wird, die kaum je eintreffen werden. Die Politik denkt zu oft nach dem Schema: Wenn wir den öffentlichen Verkehr ausbauen sowie billiger machen und gleichzeitig den motorisierten Individualverkehr verteuern und behindern, dann wird sich die Verlagerung eines Tages einstellen.
Sicher: So kann man Anreize in eine bestimmte Richtung setzen, man lässt aber möglicherweise Gerechtigkeitsfragen links liegen und wird ziemlich sicher das Grund-Verhalten nicht wesentlich ändern. Sicher jedenfalls nicht in dem Ausmass, wie es sich die gestaltenden Gesetzgeber erhofft hatten.
Bevor ich weiterfahre, für all jene, die staatliche Steuerung à gogo gut finden, hier die unangenehme Konfrontation mit der Realpolitik: Der motorisierte Individualverkehr müsste so massiv verteuert werden, damit dies – allenfalls – gelänge, dass eine Einigung darauf schlichtweg eine politische Illusion, ja eine Utopie ist. Selbst mit anhaltend grüner Welle.

Der ganze Verkehr muss attraktiver werden

Ich bin der Überzeugung, dass wir das freiheitliche Mobilitätsverhalten der Menschen nicht werden ändern können. Ich möchte das auch nicht. Denn die Freiheitsgrade, die sowohl der öffentliche wie der individuelle Verkehr ermöglichen, sind schlicht grossartig. Ich möchte nicht zurück zu Ross und Wagen. Und ich bin auch nicht systemkritisch wie ein Teil der jetzigen Umweltbewegung, die zwar freiheitlich in der Welt umherreisen, aber anderen predigen, sie sollten sich gefälligst einschränken.
Der einzige Weg, Ökologie und reales Verhalten von Menschen zusammenzubringen, liegt in der entschlossenen Nutzung von neuen Technologien. Der Staat hat die Rahmenbedingungen zu setzen, damit diese sich entfalten können. Für den Individualverkehr würde das bedeuten, dass der Staat konzeptionell an die Ermöglichung der Elektromobilität herangeht. Norwegen ist ein gutes Vorbild. Oder eben, wie in meiner letzten Kolumne beschrieben, in Städten den Veloverkehr ermöglicht.
Für den öffentlichen Verkehr würde das bedeuten, dass man ihn grundsätzlich neu denken sollte. Immer einen weiteren Bahnausbauschritt lancieren, ohne dass sich die Anteile im Personenverkehr konvergent zu den getätigten Investitionen verhalten, ist eigentlich eine Dummheit nach dem Prinzip Hoffnung. Die Schweiz sollte demgegenüber wieder an den Mut aus alten Tagen anknüpfen, an die Tage, an denen die Bahn über den Gotthard geführt worden ist.
«Bahn 2050», wie in der «NZZ am Sonntag» geschildert, umfasst zum Beispiel auch Ferienzüge am Wochenende, zum Wandern, zum Skifahren. Mit Verlaub: Das ist von gestern und wird unsere in einer wachsenden Schweiz absehbaren massiven Verkehrsprobleme nicht im Ansatz mildern. Was freie Menschen im Jahr 2050 tatsächlich auf die Bahn bringen würde – und dies in Massen – wäre die massive (die massive!) Verkürzung von Fahrzeiten, bei gleichzeitigem Schutz der Natur und Verbannung von Lärm.
Also: Der einzig wirklich innovative Weg wäre der Bau einer unterirdischen Bahn zwischen den Schweizer Zentren. Eine Bahn mit hohen Kapazitäten und extremen Geschwindigkeiten. Projekte gibt es übrigens. Wenn ich sehe, wofür die Schweiz sonst noch Steuergelder ausgibt, würde das mit letzter Sicherheit finanzierbar.

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