«Atomwernis» Ausschluss von der Klimademo

«Atomwernis» Ausschluss von der Klimademo

Kernenergie hilft gegen die Erderwärmung – das sagt der Weltklimarat. Trotzdem durfte Atomfreund Werner Bechtel an der Zürcher Klimademo vom September nicht dabei sein. Die Organisatoren wiesen ihn weg, die Polizei konfiszierte sein Transparent.

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von Alex Reichmuth am 6.10.2021, 04:00 Uhr
Klimademonstration am 24. September 2021 in Zürich. Bild: Keystone
Klimademonstration am 24. September 2021 in Zürich. Bild: Keystone
Werner Bechtel macht sich Sorgen um das Klima. Die Erderwärmung müsse unbedingt auf 1,5 Grad begrenzt werden, sagt der Rentner. Darum nimmt er regelmässig an Klimademos teil.
Bechtel ist gleichzeitig ein glühender Anhänger der Atomkraft. Nur mit ihr gelinge es, den Klimawandel in Grenzen zu halten, ist er überzeugt. Denn die Kernkraft liefere zuverlässig Strom und stosse dabei kaum Kohlendioxid aus. Bechtel nennt sich selber «Atomwerni».

Joe Biden setzt sich für Atomkraft ein

Werner Bechtel ist mit dieser Haltung nicht allein. Der Weltklimarat (IPCC) hat die Atomkraft mehrmals als wichtig im Kampf gegen die Erderwärmung bezeichnet. Und die Uno-Organisation UNECE (United Nations Economic Commission for Europe) kam zum Schluss, dass die internationalen Klimaziele nur erreichbar sind, wenn die Kernenergie weiterhin zur Stromversorgung beiträgt.

«Ich persönlich bin gegen Atomkraft, aber nach dem IPCC kann sie tatsächlich ein kleiner Teil einer grossen, neuen CO₂-freien Energielösung sein.»

Greta Thunberg, Klimaaktivistin

Der amerikanische Präsident Joe Biden wiederum hat sich dem Kampf gegen die Erderwärmung verschrieben und setzt dabei vor allem auf kleine modulare Kernreaktoren. Solche Reaktoren entwickelt etwa die Firma Terrapower, die vom IT-Milliardär Bill Gates gegründet wurde.

Greta Thunberg zollt der Kernkraft Tribut

Selbst die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, das grosse Vorbild aller Klimaaktivsten, zollt der Kernenergie Tribut. «Ich persönlich bin gegen Atomkraft», schrieb sie zwar auf Facebook, «aber nach dem IPCC kann sie tatsächlich ein kleiner Teil einer grossen, neuen CO₂-freien Energielösung sein». Nämlich dann, so Thunberg weiter, wenn Länder keinen Zugang zu erneuerbaren Energien hätten (siehe hier).
Für Klimaaktivisten in mitteleuropäischen Ländern wie Deutschland oder der Schweiz ist die Kernkraft allerdings ein Tabu. Das musste «Atomwerni» am 24. September erfahren. An diesem Tag fanden in vielen Städten Europas gleichzeitig Klimademos statt – so auch in Zürich: Rund 2000 Demonstranten zogen durch die Innenstadt.

Als Rassist und Klimaleugner bezeichnet

Bechtel trug ein Transparent mit sich, auf dem in grossen Lettern «Kernenergie für’s Klima» und «Nuclear4Climate» stand. Es dauerte nicht lange, da kreuzten mehrere Organisatoren der Klimademo auf. Sie forderten Bechtel auf, sein Transparent sofort einzurollen.

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Das konfiszierte Klima-Transparent von Werner Bechtel. Bild: ZVg

«Atomwerni» aber weigerte sich: «Ich wurde daraufhin als Rassist und Klimaleugner bezeichnet.» Bechtel beschied den Organisatoren, wenn es ihnen nicht passe, sollten sie doch die Polizei holen.
Genau das taten diese. Und was jetzt passierte, liess Bechtel fassungslos zurück. Die Stadtpolizei Zürich beschlagnahmte sein Transparent und erteilte ihm einen 24-stündigen Platzverweis für die ganze Innenstadt von Zürich. Geschlagen zog «Atomwerni» von dannen.

Den «geordneten Ablauf» gestört

Es treffe zu, dass eine Person mit ihrem Verhalten den «geordneten Ablauf» der Klimademo gestört habe, bestätigt die Stadtpolizei auf Anfrage. Die Organisatoren hätten das Recht, störende Personen von der Demonstration auszuschliessen.
Zwar gebe es grundsätzlich das Recht auf freie Meinungsäusserung, schreibt die Polizei weiter. «Es besteht aber kein Anrecht darauf, dieses im Rahmen einer bewilligten Veranstaltung auszuüben, wenn der Inhalt nicht identisch ist.» In diesem Fall habe die Meinungsäusserung von der bewilligten Veranstaltung örtlich getrennt zu erfolgen.
Die Stadtpolizei Zürich ist also der Meinung, dass Bechtel mit seiner Bekundung pro Atomkraft, die in Übereinstimmung mit dem Weltklimarat ist, die Klimademo gestört habe. Gerne wollte der «Nebelspalter» von den Organisatoren des Anlasses wissen, warum sie Werner Bechtel von der Klimademo ausgeschlossen haben. Die entsprechenden Anfragen blieben allerdings unbeantwortet.

Tätlicher Angriff gegen Pro-Atom-Aktivistin

Bechtel ist nicht der einzige Atomfreund, der schlechte Erfahrungen an Klimademos machen musste. Gleichentags wurde die Pro-Atom-Aktivistin Britta Augustin an der Demonstration in Berlin gar Opfer eines tätlichen Angriffs. Sie war mit einem Schild mit der Aufschrift «Kernkraft gegen Klimawandel» unterwegs.
Ein Video zeigt, wie sich ein Mann Augustin von hinten nähert und versucht, ihr das Schild wegzunehmen. Er reisst sie beinahe zu Boden. Schliesslich ergreift er das Schild und zerstört es. Die Umstehenden johlen.


Am Tag nach der Klimademo in Zürich bekam «Atomwerni» sein Transparent auf der Polizeistation wieder zurück. Er lässt sich allerdings nicht unterkriegen. Auch künftig will er wieder an Klimademonstationen teilnehmen – mit Transparent.

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Werner Bechtel an einer früheren Klima-Demonstration
Rede von Werner Bechtel an einer Pro-Kernenergie-Demo im August 2021:


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