«Atomkraft? Ja Bitte»

«Atomkraft? Ja Bitte»

Mit Hängen und Würgen sucht Europa nach der CO2-freien Zukunft. In den meisten Ländern, so auch in der Schweiz, sind die Energiepolitiken mit grossen Widersprüchen behaftet. Dabei gäbe es ja eigentlich eine Technologie, die sich geradezu aufdrängen würde.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 27.7.2021, 09:00 Uhr
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«Atomkraft? Nein Danke.» Der Aufkleber mit der lachenden roten Sonne auf gelbem Grund ist seit den 1970er-Jahren das Logo der Atomkraftgegner schlechthin. Angesichts der globalen Klimaerwärmung, des absehbaren massiven Mehrbedarfs an Strom und der schon fast verzweifelten Suche nach einer möglichst CO2-freien Energieversorgung kommt man nicht umhin, den Slogan der Atomkraftgegner neu zu formulieren: «Atomkraft? Ja Bitte», so muss es heute heissen. Denn die Produktion von Atomstrom heizt die Atmosphäre nicht auf. Auf das Klima bezogen ist Atomstrom vor allem eines: sauber.
Dies ganz im Gegensatz zu den Stromquellen, welche die Schweiz aufgrund des von Bundesrat und Stimmbevölkerung beschlossenen Atomausstiegs sehr bald wird anzapfen müssen: Gaskraftwerke zum Beispiel oder ausländische Kohlekraftwerke. Logisch und vor allem klimadienlich ist dies alles nun wirklich nicht. Und ehrlich ist es ebenfalls nicht, denn die Schweiz wird allenfalls auch Atomstrom aus anderen europäischen Ländern importieren müssen. Frei nach dem Motto: Hauptsache nicht vor unserer Haustür.
Der Kernenergie erwuchs eine radikalisierte Gegnerschaft vor allem aus zwei Gründen: Wegen dem radioaktiven Abfall und der Sicherheit der Werke. Bei Lichte betrachtet sind das lösbare Probleme. Der radioaktive Abfall kann sorgenlos gelagert werden. Und die Kernkraftwerke sind sicher. Sehr sicher sogar. Die Katastrophen, die sich ereignet haben, wiesen ihre klaren Ursachen auf: In Japan war es nicht das Werk oder die Technologie, die unsicher waren, sondern die Lage des Werks direkt am Meer. Und in Tschernobyl war es der Kommunismus, der für das Unglück verantwortlich war.
Ich bin überzeugt davon, dass die Schweiz mit viel besserer Isolation der Gebäude und massiven Investitionen in die Solarenergie einen riesigen und sehr positiven Schritt in eine gute Energiezukunft machen könnte. Eigentlich gehörten auf jedes Haus in diesem Land Photovoltaikanlagen. Denn die Sonne wird die Menschheit noch viele Jahre ganz gratis mit Energie versorgen. Die Nutzung der Sonnenenergie ist deshalb mit das Beste, worauf die Menschheit und die Forschung sich konzentrieren sollten. Die Probleme, die sich stellen, zum Beispiel im Winter oder mit der Speicherung, sind lösbar. Aber noch sind wir davon zu weit entfernt. Derweil das CO2-Problem und die Klimaerwärmung drängen.
Gut also, hat SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher das Thema Atomkraft in der letzten Woche in einem Interview mit dem «Blick» in Erinnerung gerufen. Das ist wenigstens schon einmal etwas. Die grundlegenden Probleme bei der Kernkraft liegen bei den Kosten für die Investitionen, für den Bau neuer Werke. Diese sind dermassen hoch, dass es im Moment in der Schweiz keine Investoren gibt. Länder wie China allerdings bauen viele neue Kernkraftwerke. Vielleicht müsste das vereinigte Europa ein bisschen Geld zusammenlegen und in eine europäische, sichere, CO2-freie Energieversorgung mit Atomstrom investieren.
Ich weiss, das ist eine politische Utopie. Aber klimapolitisch wäre das eine kluge Sache.

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