Satiredebatte reloaded
Weltweiter Protest nach Karikatur des Vatikans
publiziert: Donnerstag, 7. Jan 2016 / 15:59 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 23. Feb 2016 / 12:53 Uhr
 
 

Eine heute auf der Website des Heiligen Stuhls veröffentlichte Karikatur erschüttert weltweit Karikaturisten und Satiriker. Während zahlreiche nationale und internationale Cartoonisten-Verbände diese «zutiefst verletztende Provokation» verurteilen, hat der Vatikan bereits seine Schutzmassnahmen verstärkt.

1 Meldung im Zusammenhang
Die umstrittene Karikatur, die vermutlich als Vergeltung für das neuste Titelbild der Pariser Satirezeitung «Charlie Hebdo» zu werten ist, zeigt drei Satiriker, die um das sprichwörtliche goldene Kalb tanzen.

Ungepflegt und seelenlos?

Die drei Männer machen einen höchst ungepflegten Eindruck uns zeigen zudem entblösste Genitalien. Der linke Mann hält einen überdimensionalen Zeichenstift in der Hand, während er fröhlich um den Götzen «Meinungsfreiheit» - symbolisiert durch das Kalb - tanzt. Die mittlere Figur trägt ein «Je suis Charlie»-Shirt und tanzt auf teuflischen Pferdefüssen. Der Tänzer rechts hält strahlend sein eigenes Herz in der Hand, was unzweideutig die Herzlosigkeit und Wertefreiheit der Satireszene darstellen soll. Signiert ist das provokante Werk zudem von einem bisher unbekannten Zeichner namens «LUCIF.». 

Uvek gegen Freipass

Viele Karikaturisten und Cartoonisten haben sich inzwischen betroffen, verletzt oder gar wütend zur päpstlichen Karikatur geäussert. «Die Unterstellung, herzlos einen Götzen anzubeten oder gar des Teufels zu sein, verletzt den rationalen Emotionshaushalt eines bekennenden Atheisten zutiefst», twitterte zum Beispiel der Karikaturist Hans Muster, der unter dem Pseudonym «Shutterstock» in der ganzen Welt Illustrationen veröffentlicht. «Zudem habe ich einen viel längeren als in diesem üblen Machwerk suggeriert wird.»

Der Schweizer Künstler Loris Deuthard, der seit Jahren in Bern unter dem Kürzel «Uvek» zeichnet, hält konsterniert fest, dass «Satire niemals ein Freipass» sein dürfe.

Und das traditionsreiche Schweizer Satiremagazin «Nebelspalter» schreibt in einer Stellungnahme, noch nie eine ähnliche zeichnerisch Entgleisung gesehen zu haben und will nund prüfen, die entwürdigende Karikatur auf juristischem Weg zumindest in der Schweiz verbieten zu lassen.

 

«Wir sind es leid»

«Praktisch im Jahresrhythmus kocht die Kontroverse darüber, wie weit Satire gehen dürfe, wieder hoch, ohne dass diese Debatten ein zählbares Ergebnis brächten», schreibt das Satiremagazin in seiner Stellungnahme weiter. «Wir sind es leid geworden, jedesmal aufs Neue vor unzähligen Mikrofonen zu erklären, dass Humor Geschmackssache ist.» Man sei es auch leid, darauf hinzuweisen, dass Satire alles dürfe, was sie brauche, um ihr Zielpublikum anzusprechen, aber dass man im modernen Medien- und Kommunikationszeitalter leider kaum mehr steuern könne, wer jenseits des Zielpublikums mit der eigenen Satire sonst noch in Berührung komme. «Wir sind es leid, festzuhalten, dass es nach unseren westlichen Werten Meinungsfreiheit entweder ganz oder gar nicht geben kann, und Gewalt niemals ein legitimes Mittel der Antwort ist.»

Es braucht eine gesetzliche Regelung

«Deshalb unterstützen wir», so der «Nebelspalter» weiter, «nach langem Zögern und reiflicher Überlegung nun die Idee, für Karikaturisten einen international verbindlichen Katalog auszuarbeiten, der ähnlich den Smartphone-Emojis rund 150 gesellschaftlich sanktionierte Bildelemente und -aussagen umfasst, aus denen sich Karikaturisten künftig legal ihre Bilder zusammensetzen dürfen.»  

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Montrouge - Mit einer Gedenkfeier auf dem Pariser Place de la République hat ... mehr lesen
Der die das
Der Schwezer Künstler, die...? Hm...
 
 
Newsticker  In der letzten Achtelfinal-Partie spielt England gegen den EM-Neuling Island. Dank der Hochrechnungen des Swiss National Supercomputing Centre ist es dem Nebelspalter möglich, Verlauf und Ausgang dieses Spiels vorherzusagen. 
Happy Birthday Leute von heute  Lana del Rey schaffte den Durchbruch mit dem Song «Video Games», und wenn wir uns die Mühe nehmen, das Video auf Youtube abzufragen, staunen wir Bauklötze:  
Sensation im Kunstmarkt  Der SVP-Übervater hat das bisher unbekannte Hodler-Gemälde «Aufstieg und Fall eines Glarners» gekauft - für 290 000 Franken.  
 
 
Schworb - Der Schweizer Wochenrückblick (10)  +++ Verprügelter Fussballfan: Gewaltbereite Frauen setzen ihre Rechte (und Linke) ein! +++ Verrauchtes Bundesbern: Tabakwerbung ...  
AKTUELLE AUSGABE
Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Juni-Ausgabe

Nebelspalter Nr. 6/2016  ist ab dem 3. Juni 2016 am Zeitschriften-Kiosk, im Abo oder als E-Paper-Download erhätlich. Zum Inhalt.

 

Nächste Ausgabe

Nebelspalter Nr. 7-8/2016

 

 

Der nächste
«Nebelspalter»
erscheint
am Freitag,
1. Juli 2016

 

 
Stellenmarkt.ch
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich 14°C 22°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Basel 12°C 22°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
St. Gallen 12°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Bern 12°C 22°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Luzern 14°C 21°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
Genf 12°C 23°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig vereinzelte Gewitter
Lugano 19°C 27°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich vereinzelte Gewitter
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten