Editorial
Warum Satire alles darf, aber nicht alles muss
publiziert: Freitag, 5. Okt 2012 / 10:11 Uhr
 
 

Es war wieder einmal Tucholsky-Zeit. Kaum eine Wortmeldung zur den Mohammed-Protesten der letzten Wochen kam ohne das berühmte «Satire darf alles»-Zitat des deutschen Publizisten aus. Darf man also bei uns im Westen Mohammed-Karikaturen veröffentlichen? Ja. Doch soll und muss man das? Im Namen der Pressefreiheit? Nein, man muss nicht.

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Beginnen wir mit dem Begriff der Satire. In ihr vereinen sich stets zwei Anliegen: Sie will einerseits gesellschaftliche und politische Missstände ausleuchten und dies andererseits mit Mitteln tun, die das Publikum unterhalten und in Bann ziehen. Satire hat immer eine Zielgruppe – und ja, Satire darf und soll alles Notwendige und Erdenkliche, um in dieser Zielgruppe den gewünschten Effekt zu erzielen. Dort aber, wo ein Satiriker sein Publikum langweilt, beleidigt oder verärgert, ist «Satire darf alles» nichts weiter als eine leere, trotzige Pose.

Hier liegt jedoch das Kernproblem der Mohammed-Karikaturen: Sie sind für das eigene Publikum schlicht irrelevant und langweilig. Sie stellen innerhalb unseres Wertesystems keinen erkennbaren Regelverstoss dar. Eine Pointe aber ist genau ein solcher kleiner Regelverstoss, eine überraschende Wendung.  Kaum ein ‹Nebelspalter›-Leser kann gefühlsmässig nachvollziehen, was an einer Mohammed-Karikatur derart unerhört sein soll, dass darauf nur mit Zerstörung und Gewalt reagiert werden kann. Demgegenüber steht die islamische Glaubensgemeinschaft, die von einem Verständnis für derlei Satire so weit entfernt ist wie nur möglich – zumal das Abbildungsverbot für Gott und den Propheten nicht nur für satirische oder herabwürdigende, sondern bekanntlich für jede Art bildhafter Darstellung gilt. Selbst wenn es nicht so wäre: Unsere Zielgruppe sind die Abonnenten und Leser, nicht Tausende von Kilometern entfernte Fundamentalisten.

Wenn nun auf dem Hintergrund anhaltender weltweiter Proteste Mohammed-Karikaturen veröffentlicht worden sind, ist das weniger im Namen der Meinungsfreiheit als im Namen der eigenen Magazinstrategie geschehen. Letztere gründet auf einer Spielart von Humorverständnis, welche primär das lustig findet, was andere beleidigt oder ärgert – und vor allem: weil es andere beleidigt oder ärgert. Kurt Felix’ versteckte Kamera ist die harmlose Variante dessen. Das Juli-Cover der «Titanic» mit dem inkontinenten Papst ist nur ein aktuelleres Beispiel: Nicht die satirische Darstellung und ihre Aussage an sich, sondern erst die Klage des Vatikans hat dem Beitrag seine Publizität beschert.

Doch wer sein Humorverständnis allein auf Tabubruch und Provokation zum Selbstzweck abstellt, hat womöglich noch nie jene Satire erlebt, die einem Hitze ins Gesicht und wohlige Schauer den Rücken hinunter zu treiben vermag: Weil sie nicht fremde Wertesysteme, sondern eigene Denkschablonen ins Wanken bringt – mit Nadelstichen, die gekonnt so dosiert sind, dass man sich der Kritik nicht verschliesst, sondern gerne ausliefert. Dazu muss man jedoch sein Zielpublikum genau kennen – doch tut man das noch, wenn man satirische Filme und Bilder ins weltweit zugängliche Internet stellt?

In unserem direktdemokratischen und konkordanten Bundesstaat ist es nachgerade ein Wesenszug des landestypischen Humors, dass wir unter Satire nicht einzig Aggressionsabfuhr gegen übermächtige Regenten und fremde Völker verstehen, sondern uns am ausgelassensten über unsere eigenen Widersprüche und Daseinsfragen (von Emil Steinberger bis Simon Enzler) amüsieren.

Zu diesen Widersprüchen zählt etwa die Tatsache, dass nicht nur Zehntausende Muslime gegen einen Film protestierten, ohne ihn gesehen zu haben, sondern dass auch bei uns Hunderte Medienleute wertende Begriffe wie «Schmähfilm» oder «Machwerk» gedankenlos übernahmen, als würde sich der Anspruch auf Meinungsfreiheit neuerdings aus künstlerischen Qualitätskriterien herleiten lassen. Wie steht es überhaupt um diese Meinungs- und Pressefreiheit? Ist es im Kontext der jüngsten Proteste wirklich die Aufgabe der Satire, diese Freiheiten wie heilige Glaubenssätze der Aufklärung zu verteidigen, und zwar nicht weniger überzogen, stur und lautstark als die Gegenseite? Wäre die Verteidigungsaufgabe nicht vielmehr den intellektuellen Leitmedien und ihren rationalen Argumenten zugefallen?

Es sind ausgerechnet viele dieser Medienhäuser, welche die Werte der Aufklärung über Jahrhunderte miterstritten hatten, die in der aktuellen Diskussion und in der Auseinandersetzung mit dem Islam total versagt haben, indem sie lavierten und nicht selten Opfer zu Tätern machten. Denn Karikaturen töten grundsätzlich keine Menschen, so wie auch kurz geschnittene Miniröcke nicht ihre Trägerinnen vergewaltigen – leider nicht allen westlichen Kommentatoren scheint das klar zu sein. Genau in diesen Widersprüchen und Scheinheiligkeiten der Kontroverse liegt für die Satirezunft der Stoff für dringend nötige Beiträge – und nicht in einem demonstrativen und (sechs Jahre nach den Karikaturen in Dänemarks ‹Jyllands-Posten›) nur wieder aufgewärmten Tabubruch.

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

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