So isst die Welt
Wales
publiziert: Donnerstag, 1. Sep 2016 / 00:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 1. Sep 2016 / 11:09 Uhr
 
 

In der öffentlichen Wahrnehmung existiert dieses Land erst seit der EM, vor allem Gareth Bale hat Wales auf die Landkarte geschossen, weil er so knuffig aussieht. Mit welcher Art von Ernährung hat er das geschafft?

Zunächst: Genau genommen gibt es Wales schon etwas länger. König Edward I. gelang es schliesslich bis 1283, das Land für die englische Krone zu erobern. Die englische Küche hatte also ausreichend Zeit, sich in Wales auszubreiten, mitsamt ihren Auswüchsen: Kartoffeln und Fleisch mit Garzeiten, die mit der Thronanwartzeit von Prince Charles korrespondieren, der übrigens nicht zufällig der Prince of Whales ist, der Prinz der Wale, die vor der Küste zu Hause sind und die bis zum Walfangverbot 1948 die Speisezettel bereicherten.

Der Waliser beginnt den Tag ganz traditionell mit gebratenen Eiern sowie Herzmuscheln, die mit «Laverbread» aus Algen serviert werden - für ihn ist also jeder Tag ein Nationaleiertag. Dazu reicht man einen leichten Welsh Burgundy, einen Frühstückswein aus der Gegend von Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch, das wie­derum in der Region Anglesey liegt, wo sie sich auf Enteneier à la Anglesey spezialisiert haben, «Wyau Hwyaden, Dull Ynys Môn», hart gekocht wie die Nationalspieler, auf Porree serviert, dem walisischen Nationalgemüse - zum Lunch gibt es wirklich nichts Besseres.

Viele Gerichte vereinsamen indes auf den Speisekarten, da kein Mensch sie vernünftig aussprechen kann, weil die Waliser erst seit etwa zehn Jahren ihre eigene Muttersprache lernen. Besonders schade ist das bei «Cacenni Corgimwch ac Eog â Iogwrt Minty», einem Fischkuchen mit der schier unvermeidlichen Minzesauce, oder bei «Cawl Bara Lawr», einer Suppe aus Kartoffel, Zwiebeln, Möhren und Lawr, also Purpurtang. Viele Gerichte wurden übrigens über Jahrzehnte hinweg mit Kohlenstaub gewürzt. Die Anlässe, zu denen man «Bara Claddu» vertilgt, kann man sich ausrechnen, denn auf gut Deutsch heisst das Beerdigungsbrot.

Apropos: 53 Prozent der Waliser haben für den Brexit gestimmt, und niemand kann voraussagen, wie lange das Vereinigte Königreich noch zusammenhält. Man sollte also besser rasch eine kulinarische Exkursion nach Wales vorbereiten, um ohne Visum der köstlichen «Brithyll Mewn Crwst Cnau Cyll â Pherlysiau» teilhaftig werden zu können, einer Forelle in Haselnusskruste mit Kräutern.

(Thomas C. Breuer/Nebelspalter)

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