Gefangen in einer Parallelwelt
Twitter-Stress macht Journalisten krank
publiziert: Montag, 20. Okt 2014 / 18:08 Uhr / aktualisiert: Montag, 20. Okt 2014 / 18:26 Uhr
 
 

In der Schweiz setzt die omnipräsente Zurschaustellung eines vermeintlich blitzgescheiten Kopfes Journalisten stark unter Druck. Das zeigt eine neue, repräsentative Umfrage.

2 Meldungen im Zusammenhang
Das pausenlose Getwittere der Berufskollegen gaukelt Medienschaffenden die Illusion vom perfekten Journalisten vor. Viele sind dadurch so verunsichert, dass sie Selbstzweifel, Depressionen oder gar einen anomalen Kaffeekonsum entwickeln. Daher startet die Stiftung Pro Mediocris eine neue Kampagne.

Mit dem Slogan «Viele Journalisten haben mit den echten Lesern nichts zu tun» sollen die Medienschaffenden darin bestärkt werden, sich nicht mit überhöhten Online-Idealen unter Druck zu setzen, wie Pro Mediocris in einer Mitteilung schreibt.

Die Problematik hat sich in den letzten Jahren durch den hohen Stellenwert der Neuen Medien zunehmend verstärkt. Durch das ununterbrochene Posten von scharfsinnigen, coolen, witzigen und sachkundigen Kommentaren und durch das Retweeten von möglichst beeindruckenden Meldungen aus fremdsprachigen Weltblättern oder aus hochstehenden Fachforen werde ein überstilisiertes Idealbild des Journalisten geschaffen, wie es in der Mitteilung heisst. So fällt das Selbstbild nicht mehr nur im Vergleich mit Stars wie Frank A. Meyer, Patrik Müller und Roger Köppel ab, sondern auch gegenüber normalen Berufskolleginnen und -kollegen.

Ziel: Scharfsinnigkeit, Coolness und Eloquenz

Dies belegt auch eine repräsentative Umfrage von Pro Mediocris unter den 983 noch nicht durch Praktikanten ersetzten ausgebildeten Medienschaffenden in der Schweiz: 100 Prozent der Befragten gab an, es am wichtigsten zu finden, von anderen Journalisten positiv wahrgenommen zu werden. 88 Prozent wollen als intellektuell, 76 Prozent als schlagfertig gelten. Bei 67 Prozent der Schreibenden führt der Vergleich mit anderen zu grosser Verunsicherung oder gar zu Krisen. Jeder Dritte erlitt in den letzten Jahren sogar ein so genannten Mug-out und verlor über Nacht die Lust auf die täglichen 15 Tassen Kaffee.

Mehrmals am Tag wenden sich Journalisten an die Notrufnummer 143 und berichten über Sorgen im Zusammenhang mit ihrem Selbstwertgefühl und ihrem Ansehen. Entgegen herkömmlicher Vorstellungen ist für Tagesjournalisten Intellektualität genauso wichtig wie für Edelfedern. Da gebe es etwa einen 32-jährigen Lokaljournalisten, der seit Monaten verzweifelt versucht, einen Tweet zu kreieren, der gleichzeitig von @hansi_voigt, @metamythos, @christof_moser und @redder66 favorisiert oder retweetet wird. Ein 45-jähriger habe vor lauter Social-Media-Präsenz kaum Zeit, seine Offline-Arbeit zu erledigen, weil er Angst habe, ohne hohen Klout-Score nie eine neue Stelle zu finden, berichtet eine Pro-Mediocris-Beraterin.

Journalisten, die erst einmal in diese Selbstzweifel geraten, könne man nur langsam wieder in die Normalität zurückhelfen. «Zu begreifen, dass Twitter eine parallele Scheinwelt ist und dass 95 Prozent aller Tweets weder gelesen noch kommentiert werden, das braucht Kraft und Zeit», erklärt die Mitarbeiterin von Pro Mediocris.

Total an den Lesern vorbei

«Besonders bemerkenswert ist, dass sich ein hoher Prozentsatz aller Journalisten-Tweets um die Frage drehe, wie ein künftiger Journalismus auszusehen habe, der wieder mehr Leser generieren könnte.» Meistens folge darauf die Einsicht, man müsse besser hinhören, was die Leser wirklich interessiere und bewege. «Und dennoch findet diese Debatte in einem virtuellen Raum statt, in dem sich in der Schweiz - neben einigen Politikern und Promis - fast ausschliesslich Journalisten gegenseitig followen», so die Mitarbeiterin weiter, bevor sie sich ihrem Smartphone zuwendet, um mit zittrigen Händen für den Kampagnenstart einen möglichst eingängigen Tweet mit hohem viralem Potenzial zu texten. Der umgekehrt hingestellte Kaffee-Mug neben ihr wirkt mit seiner leichten Staubschicht schon seit längerem unbenutzt.

(Carole Starrmilch/Nebelspalter)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Social Media Zürich - Rund 3,2 Millionen Menschen in der Schweiz nutzen regelmässig soziale Netzwerke wie Facebook. Auch Blogs und ... mehr lesen
Am beliebtesten sind in der Schweizer Internetgemeinde soziale Netzwerke und Wikis.
 
 
Tor des Monats  Als Andreas Glarner eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett in eine linke Bazille verwandelt. 
Happy Birthday Leute von heute  Der Ohrwurm «Ich will nen Cowboy als Mann» dürfte bestens bekannt sein. Gitte Haenning singt noch sehr, ...  
 
 
Newsticker  In der letzten Achtelfinal-Partie spielt England gegen den EM-Neuling Island. Dank der Hochrechnungen des Swiss National Supercomputing Centre ist es dem Nebelspalter möglich, Verlauf und ...  
Happy Birthday Leute von heute  Lana del Rey schaffte den Durchbruch mit dem Song «Video Games», und wenn wir uns die Mühe ...  
 
AKTUELLE AUSGABE
Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Juli/August-Ausgabe

Nebelspalter Nr. 7-8/2016  ist ab dem 1. Juli 2016 am Zeitschriften-Kiosk, im Abo oder als E-Paper-Download erhätlich. Zum Inhalt.

 

Nächste Ausgabe

Nebelspalter Nr. 9/2016

 

 

Der nächste
«Nebelspalter»
erscheint
am Freitag,
2. September 2016

 

 
Stellenmarkt.ch
wetter.ch
Heute Fr Sa
Zürich 17°C 23°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Basel 17°C 24°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
St. Gallen 16°C 20°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig stark bewölkt, Regen
Bern 16°C 23°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Luzern 18°C 23°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig stark bewölkt, Regen
Genf 18°C 24°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Lugano 20°C 25°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten