Der Tag danach
Trump - wer sonst?
publiziert: Mittwoch, 9. Nov 2016 / 18:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 10. Nov 2016 / 14:44 Uhr
 
 

Zugegeben, wir alle haben einen anderen Ausgang erwartet, weil wir Europäer sind und Politik für uns etwas Würdiges darstellt. Das Wort Demokratie löst bei uns ein erhabenes Gefühl aus, das wir unter allen Umständen bewahren wollen.

Nicht so in den USA: Dort hat sich gerade ein ganzes Volk in seiner wahren Unwürde zu erkennen gegeben. Rache, Gemeinheiten, Lügen, Erpressungen, kriminelles Verhalten und unverdaute TV-Impressionen haben für Trump entschieden. Definieren wir diese bösen Wörter im Detail:

Rache: Schon seit ewigen Zeiten reduzieren Politiker den amerikanischen Traum darauf, die Grössten und Besten zu sein. Jetzt schlägt das Volk zurück und bestraft nicht Hillary, sondern alle ihre schwachen Vorgänger. Und ein schwarzer Präsident Obama hat die Würde noch mehr getrübt, denn nur weisse Männer - auch wenn sie rothaarig sind - können den Traum erfüllen.

Gemeinheiten: Bei uns im Kleinformat ebenfalls Gang und Gäbe, dort gibt es eine lange Tradition: Jefferson wurde gar im bizarren Wahlkampf des 19. Jahrhundert für tot erklärt und avancierte trotzdem zum gute Präsidenten. Trump kann alle Regeln des Anstands brechen, das macht Eindruck in einer immer weniger gebildeten Gesellschaft, wo Outsider schnell Helden werden, weil sie ihren - wenn auch dümmlichen - Erfolg durchsetzen.

Lügen: Abstossend, aber wirkungsvoll, denn schon als Kind bekommt man damit schneller sein erstes Gewehr. Der amerikanische Traum verspricht sofortiges Glück, Reichtum und alle Freuden des Lebens, auch mit allen Frauen alles machen zu können und Neger als Neger zu bezeichnen und Latinos als Untermenschen. Es ist die rassistische Realität in diesem Land. Hillary denkt ähnlich, würde es aber nie so einfach und bösartig formulieren, also lügt sie noch perfider.

Erpressungen: Jetzt wird Hillary angeklagt werden wegen jeder Kleinigkeit, verspricht Trump. Er selbst wird straffrei bleiben. Und wieder ist er ein Held, den Zehntausende von Kleinkriminellen bewundern und gewählt haben.

Kriminelles Verhalten: Trump schwebt über allen Gesetzen, er darf alles ohne Folgen sagen und tun, verspricht Unhaltbares, bereichert sich mit unlauteren Mitteln, hat Steuerschulden - er ist der Amerikaner in Millionen von Träumen, einer der letzten Urtypen, die schon ausgestorben schienen.

TV-Impressionen: Früher haben Eltern das Verhalten ihrer Kinder bestimmt, seit zwei Generationen (die jetzigen Wähler) tut es das Fernsehen. In der Kultserie «House of Cards» (bei uns kaum zu sehen, weil für Europäer schwer verstehbar) geht der fiktive zukünftige Präsident Francis Underwood über Leichen, trickst, bescheisst nach Strich und Faden und manipuliert ohne Grenzen. Trump war damals vier, er ist es bis heute geblieben und hat diesen Film tatsächlich verstanden.

Wir gratulieren ihm! Und dem amerikanischen Volk ebenfalls! Schliesslich sind wir Schweizer und schicken auch denen gute Wünsche, die die Demokratie hinrichten.

Autor Wolf Buchinger ist einer der grössten Amerikakenner, auf dem Flug nach Kanada war er einmal dort und hat im Transitraum von New York während 45 Minuten das Land voll verstanden.

(Wolf Buchinger/Nebelspalter)

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