Tor des Monats
Stephan Schmidheiny
publiziert: Mittwoch, 29. Feb 2012 / 16:48 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 8. Jul 2015 / 16:23 Uhr
 
 

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Seit der Urteilsverkündung im Turiner Eternit-Prozess lesen besonders Vorsichtige nur noch mit Atemschutzmaske Zeitung. Kein Tag vergeht, ohne irgendwo in den Nachrichtenspalten mit stockendem Atem auf einen Asbestverdacht zu stossen.

Stephan Schmidheiny soll für 16 Jahre hinter italienische Gardinen ? und schon schafft es Asbestmeldung um Asbestmeldung in die Nachrichten-Primetime. Etwa, dass in Bellinzona bei Umbauarbeiten ein kontaminierter SBB-Reisewagen entdeckt wurde. Etwa, dass immer noch Tausende von Schweizer Häusern ? seit den Achtzigern als asbestbelastet identifiziert ? nicht saniert worden sind. Etwa, dass die Verjährungsfrist, gegen die sich Schweizer Asbestopfer zur Wehr setzen, nun mithilfe von Strassburg ausgehebelt werden soll. Genau: Jetzt muss ein und für alle Mal aufgeräumt werden mit dieser giftigen Faser. So schnell wie möglich. Das Zeitfenster ist nur kurz geöffnet.

Eben erst waren wir noch durch die unheimliche Häufung von Verkehrstoten auf  unseren Fussgängerstreifen geschockt. Kein Tag verging, an dem wir nicht ein Opfer oder Beinahe-Opfer in den Schlagzeilen zu beklagen hatten. Eben noch liessen wir uns weder von aufgescheucht durch die Wandelhalle interpellierenden Parlamentariern beruhigen ? noch von einem Blick in die Statistik, die nur eine unheimliche Häufung von gross aufgemachten Boulevardgeschichten, aber keine reale Häufung von zu Tode gekommenen Fussgängern dokumentieren konnte.  Doch da waren wir bereits weiter. Und zwar bei den Sicherheitsstandards internationaler Kreuzfahrtschiffe. Bei den Livetickern der dramatischen ersten Tage der Rettungsaktion. Bei den «Das könnte Sie auch inte­ressieren»-Weblinks, die uns während unserer ersten Phase aufrichtiger Betroffenheit natürlich auch nicht vorenthalten durften, wenn im Hallenbad Wyleregg-Lerchenfeld ein Kinderschlauchboot gekippt war.

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Unsere Welt ist ? bei allen lebensfeindlichen Bedrohungen ? doch irgendwie wunderbar getaktet. Es kommt immer schön eines nach dem anderen. Kein Tag vergeht, ohne dass uns irgendwo in den Zeitungsspalten der Atem stockt. Doch die Zeitungen insgesamt sind immer etwa gleich dick. Die Tagesschau insgesamt ist immer etwa gleich lang. Ständig sind wir damit beschäftigt, die Welt zu retten ? und die Welt bietet uns dabei immer wieder neue Abwechslung.

Das Faszinierende daran: Die Katastrophen und Bedrohungen, die uns eben noch durch ihr eigenes Zeitfenster finster angestarrt und zu Tode erschreckt haben, schleichen sich irgendwann wieder davon, und nur einige stellen sich wieder hinten in der Reihe an. Wo ist heute der gefährliche Feinstaub, der uns vor ein paar Jahren zu Tempo 80 auf Autobahnen zwang? Was ist mit den Ozonwerten, die uns noch vor Jahren zur hochsommerlichen Mittagszeit jede unnötige Bewegung im Freien untersagten? Warum macht die Klimaerwärmung Pause, seit sich Deutsche und Schweizer gegen AKWs und für Dutzende neuer Gas- und Kohlekraftwerke entschieden haben? Davongeschlichen oder wieder am Anstehen? Nun ist also der Asbest zurück. Das Zeitfenster ist nur kurz.

Das Einzige, worüber sich alle einig sind, ist, dass jedes Asbestopfer eines zu viel ist. Während die Faser in anderen Teilen der Welt noch immer boomt, ist sie in der Schweiz seit 1995 verboten, juristische Ansprüche nach heutigem Recht verjährt. Doch Recht ist nicht Gerechtigkeit ? und selbst Letzere ist immer dann umstritten, wenn mit heutigem Wissen über Früheres geurteilt wird. Aktuelle Schätzungen sprechen von jährlich rund 100 Asbesttoten landesweit. Angeführt wird die Rangliste der vermeidbaren Todesfälle jedoch von den 9000 Toten pro Jahr, die von der Tabakindustrie zum Rauchen gezwungen werden, gefolgt von jenen Tausenden, die die Lebensmittelmultis  zu ungesunder Ernährung genötigt haben. Auf weiteren Plätzen ? noch weit vor den Asbestopfern ? folgen Alkohol, Drogen, Strassenverkehr, Kriminalität und ? jawohl ? mangelnde Hygiene in Spitälern. Übrigens keine Todesopfer zu verzeichnen sind bislang durch Atomstrom, Handystrahlen oder gentechnisch veränderte Lebensmittel. 

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Die Zeitfenster, durch die wir auf unsere Welt blicken, haben wenig mit der Grösse der Herausforderungen dahinter zu tun. Aber immerhin: Beim Asbest haben wir nun schon mal einen Schuldigen. Einen Namen für die «Das könnte Sie auch interessieren»-Linkliste. 

Marco Ratschiller

(mr/Nebelspalter)

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