Phrasendrescher oder Wortakrobaten?
publiziert: Freitag, 6. Jul 2012 / 12:06 Uhr / aktualisiert: Freitag, 6. Jul 2012 / 13:48 Uhr
Nicolas Bischof
Nicolas Bischof

Journalist: Wie beurteilen Sie den derzeitigen Zustand der Schweiz?

Politiker: Sind Sie etwa unzufrieden damit?

Journalist: Pardon, ich stelle hier die Fragen.

Politiker: Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass Politiker nun mal vom Recht Gebrauch machen, mit gezielten Gegenfragen nicht relevante Inhalte zu hinterfragen.

Journalist: Der Inhalt der Frage ist aktuell. Sind Sie imstande, eine plausible Antwort zu geben?

Politiker: Das kommt auf den Zuständigkeitsbereich an.

Journalist: Als Politiker sind Sie doch zuständig?

Politiker: Wenn Fragen zu konkret aktuellen Themen präzise formuliert werden, bin ich jederzeit bereit, Ihnen kompetent und sachlich zu antworten.

Journalist: Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt.

Politiker: Sehen Sie, einfach ist nicht immer einfach. Hinter einer simplen Frage steckt oft ein latent vorhandenes Problem.

Journalist: Eben. Ich warte.

Politiker: Worauf?

Journalist: Auf Ihre kompetente Antwort.

Politiker: Sie wollen Antworten? In der Politik geht es darum, zu wissen, was den Bürger unter den Nägeln brennt. Dann sind wir bereit, sachlich, unmissverständlich und lösungsorientiert zu argumentieren und zu analysieren. Wir sind vom Volk beauftragt, Sachgeschäfte auf den Punkt zu bringen, Probleme professionell anzugehen zum Wohle unseres Volkes.

Journalist: Sie wollen meine Frage nicht beantworten?

Politiker: Welche Frage?

Journalist: Über die Situation der Schweiz.

Politiker: Das ist keine Fragestellung. Und weshalb genau fragen Sie mich?

Journalist: Weil Sie ein vom Volk gewählter Politiker sind.

Politiker: Was hat meine Wahl mit Ihrer Frage zu tun?

Journalist: Nichts.

Politiker: Na sehen Sie. Wer einmal Politiker wird, bleibt immer Politiker. Sie wissen, was Politik bedeutet?

Journalist: Aber hallo, das gehört zur Grundausbildung im Journalismus.

Politiker: Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zu Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen.

Journalist: Sie haben den Machiavelli auswendig gelernt?

Politiker: Diesen Satz schon.

Journalist: Aber wird dieses Zitat nicht oft missverstanden?

Politiker: Wie missverstanden?

Journalist: Diese Aussage lädt doch geradezu Missbrauch ein.

Politiker: Das ist eine Frage der Interpretation. Wer Macht wie auch immer einsetzt, muss deren Anwendung auch verantworten können.

Journalist: Und handeln Sie denn auch danach?

Politiker: Wie lautete schon wieder Ihre Frage?

Journalist: Sie weichen mir wirklich ständig aus.

Politiker: Das gehört zu meiner Strategie. Ich beantworte nur Fragen, deren Antworten nicht widerlegbar sind.

Journalist: Gut. Dann stelle ich die Frage mal anders. Ist die Schweiz den herrschenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten gewachsen?

Politiker: Interessante Frage, zu welcher sich ein seriöser Politiker jedoch nie anmassen würde, eine gültige wegweisende Antwort zu geben.

Journalist: Weshalb sind Sie denn eigentlich überhaupt Politiker geworden?

Politiker: Endlich eine intelligente Frage, die ich Ihnen gerne beantworte: Es macht mir einfach ungemein Spass.

Journalist: Ich dachte, es stehe mehr dahinter.

Politiker: Selbstverständlich ist dies ein Überbegriff. Damit es Spass und Freude bereitet, sind gewisse Grundvoraussetzungen unabdingbar.

Journalist: Die da wären?

Politiker: War das Ihre Frage?

Journalist: Nein, ich stelle die Frage neu: Wozu brauchen wir Politiker wie Sie?

Politiker: Das müssen Sie meine Wähler fragen und liegt nicht in meinem Beurteilungsbereich.

Journalist: Was liegt denn in Ihrem Beurteilungsbereich?

Politiker: Jetzt erinnere ich mich an Ihre Frage.

Journalist: Ach, in der Politik geschehen noch Wunder. Und was haben Sie dazu zu sagen?

Politiker: Darüber muss ich erst nachdenken. Es macht wenig Sinn, ein derart komplexes Thema zu kommentieren und zu analysieren, wenn die Unsicherheit der globalen Entwicklung, wie sie immer noch herrscht, dominiert und nicht vorhersehbar ist. Jedoch Hoffnung auf stabile Verhältnisse sind durchaus erlaubt, auch wenn sie von der Politik nicht als solche signalisiert werden kann, es sei denn, die Prognosen, in welche Richtung auch immer, erweisen sich wider Erwarten als nicht relevant. Daher halten wir uns oft an die Sowohl-als-auch-Politik.

Journalist: Bei einer derartigen Polit-Philosophie muss man sich ja nicht wundern über die drei Neins zur Abstimmung über das Bausparen, Managed Care und die Staatsverträge.

Politiker: Manchmal denkt das Stimmvolk eben wie die Politik: Was heute gilt, war gestern noch undenkbar, und morgen wird Gegenwärtiges zu Makulatur.

Journalist: Danke für die aufschlussreiche Analyse.

Nik Minder

(mr/Nebelspalter)

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