Carte blanche für: Lisa Catena
Meine Links-rechts-Schwäche
publiziert: Donnerstag, 6. Jul 2017 / 12:00 Uhr
 
 

Ich leide seit Kindesalter an einer Links-rechts-Schwäche. Irgendwas ist in meinem Gehirn wohl falsch zusammengeknüpft. Ich kann mir nicht merken, wo rechts und wo links ist. Ich weiss nicht mal genau, ob ich eine Linkshänderin oder eine Rechtshänderin bin. Irgendwie bin ich beides...

Als Kind brach ich mir einmal die Hand, mit der ich schreibe, und konnte problemlos mit der anderen Hand schreiben. Was mich total fertig machte, war der saublöde Ratschlag: «Links ist dort, wo der Daumen rechts ist.» Als Kind habe ich stundenlang auf meine Hände gestarrt und versucht, mir diese Weisheit einzubläuen. Keine Chance.

Wegen meiner Rechts-links-Schwäche besitze ich bis heute keinen Führerschein. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte! Mit achtzehn war ich ein paar Mal in der Fahrstunde. Danach musste sich mein Fahrlehrer behandeln lassen. Ich bog immer falsch ab oder stand auf der Kreuzung, von allen Seiten kamen Autos, und dann sagte der Fahrlehrer plötzlich: Rechtsvortritt. Ich verfiel in Schockstarre, und draussen begannen Hupkonzert und Verkehrschaos. Darum mag ich die Verkehrsregeln in Italien so gerne: Vortritt hat ganz einfach der mit dem grössten Auto. Das kann ich mir merken!

Mir war sehr unwohl, als ich das erste Mal wählen gehen musste. Mit dieser Rechts-links-Schwäche! Zumal es in diesem Rechts-links-Gefüge noch ganz viele komplizierte Abstufungen gibt: linksliberal, linksgrün ... (Merke: Links ist dort, wo der Daumen grün ist.) Auf der anderen Seite gibt es rechtskonservativ, oder rechtsextrem. Meine erste Eselsbrücke war: Rechtsextrem trägt eine Glatze, Linksgrün trägt ein Foulard.

Je mehr ich mich für Politik interessierte, desto komplexer erschien mir das Ganze: In Zürich wird beispielsweise der linke Polizeivorsteher Fehr von den Jusos als Rechter beschimpft, weil er ihnen nicht links genug ist. Schützenhilfe bekommt er von Daniel Jositsch und Pascale Bruderer, die auch finden, dass die Linken langsam etwas gar links seien. Was aber dem Gewerkschaftsflügel der SP aufs Gemüt schlägt, weil es denen nicht links genug sein kann. (Merke: Bei der SP ist links dort, wo Jositsch rechts ist.)

Oder: In Deutschland gibt es eine wachsende Szene von sogenannten Öko-Nazis. Junge Leute, die am Arsch der Welt Bauernhöfe kaufen und da Biolandbau betreiben - mit einer nationalsozialistischen Gesinnung. Man kann sich das so vorstellen wie die Bio-Peperoni im Coop: aussen grün, innen braun.

Was ich aber am allerkomischsten finde, sind die Leute, die sich heute noch allen Ernstes selber ein Etikett wie «links» oder «rechts» anheften. In einer Welt, in der die kommunistische Partei Chinas den globalen Kapitalismus neu definiert, während Erz-Kapitalist Trump Mauern bauen und den Protektionismus einführen will? In der die konservative CDU-Merkel zur Schutzheiligen der Flüchtlingskrise avancierte und der wirtschaftsliberale Macron zum Posterboy der europäischen Linken?

Ich bin links! Ich bin rechts! Das ist etwas für die Leute, die ein geistiges Geländer brauchen, damit ihnen beim Selberdenken nicht schwindlig wird. Leute, die in einer komplizierten Welt Nestwärme suchen. Zeitgenossen, die in ihrem Kopf immer noch 50er-Jahre haben und damit beschäftigt sind, im privaten Ballenberg die geistige Landesverteidigung zu üben. Oder solche, die in ihrem Kopf noch 70er-Jahre haben und zerknirscht feststellen, dass ihr Che-Guevara-T-Shirt inzwischen spannt. Über dem Wohlstandsranzen, den sie sich im Kampf gegen den Welthunger angefressen haben.

Aber hey: Für Rechts-links-Idioten wie mich ist es eine gute Zeit. Sämtliche Proleten wie Trump, Köppel oder Beppe Grillo sorgen nämlich dafür, dass Politik mittlerweile genauso funktioniert wie Autofahren in Italien: Vortritt hat immer der, der am lautesten auf die Hupe drückt.

(Lisa Catena/Nebelspalter)

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