Making of a Chameleon: Peter von Matt
publiziert: Donnerstag, 3. Mai 2012 / 20:06 Uhr / aktualisiert: Montag, 7. Mai 2012 / 14:29 Uhr
 
 

Er lebe hoch! Der von Marcel Reich-Ranickis Gnaden «grösste lebende Schriftsteller deutscher Zunge». Peter von Matt, der ruhmreiche Emeritus der Zürcher Universität, der subkutane Exeget der Dichterworte, das wortmächtig raunende, dintenglecksende Chamäleon Helvetiens. Wie wurde dieses Monster? Lasst mich den Nebel etwas spalten.

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1937 in der Innerschweiz geboren, hörte es nicht nur vor den ersten bewussten Abendgebeten die fliegenden Festungen und Bombergeschwader, das Gebell Göbbels aus dem Rundfunk des Tausendjährigen Reiches und die Mannesworte in welschem Akzent unseres Generals - auf der Strasse hörte es auch den abwägenden Singsang der Uertner, in der Kirche noch das ewige Latein der Messe. In der Klosterschule lehrten die Patres noch mit Lehrmitteln, die im Angstschweiss der Apokalypse verfasst wurden. Ein halbes Jahr Literaturanalyse von Schillers «Wilhelm Tell»! Eine heutige gymnasiale Lehrkraft verlöre flugs die Stelle.

Doch Rekrut von Matt Peter verweigerte sich dem Heroismus der Epoche, dem sich Muschg Adolf und Walter Otto F. ? und viele «Dr. phil. Oblt.» noch willig fügten. Er verriet Tell und die Aktivdienst-Väter, als ahnte er schon, er würde auch ohne Offiziersnudeln in die Kränze kommen.

1968er Mode
Solcher Verrat sollte Mode werden. Der katholische Gefreite aus der Innerschweiz wurde in Zürich Schüler des reformierten Hauptmanns aus der Ostschweiz: Professor Emil Staiger, der Leuchtturm der Germanistik, dem die Aula der Alma Mater Turicensis, ja die ganze niedergebombte und emigrierte Germanistik zu Füssen lag. Den Förderer und Doktorvater musste es nicht einmal listig intrigierend aus dem Weg schaffen. Kanonier Max Frisch erledigte dies mit zwei Artikeln in der ?Weltwoche? für ihn. Von Matts Mentor wurde 1967 im Zweiten Zürcher Literaturstreit zur Unperson.

Und alle hoffnungsvollen Söhne des Protestantismus - ausser Blocher - schlossen sich der «68er Revolte» an; und damit von einer akademischen Karriere aus. Lieber den Klosterschüler als einen missratenen Sohn, dachte das bürgerliche Zwingli-Zürich. Das Chamäleon tarnte sich psychoanalytisch-freudianisch. 1983 passte sein «- und fertig ist das Angesicht: Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts» wunderbar auf den narzisstischen Geist der ausbrechenden Postmoderne. Der Klosterschüler hatte sich in «Downtown Switzerland» zum Sekundärdichter der Epoche gemausert.

Den Mythenzertrümmerern, den literarischen und den historischen, fiel er nicht in den Arm - wozu auch? Das Rückwärtige, «Kinder, Küche und Kirche» und die Pflege des biederen Meinrad Inglin besorgte seine Beatrice. Die aufgescheuchten Historikerkollegen Prof. Kreis und Prof. Tanner liess er ins Leere gackern. Und mit dem «Caffard der Geschichte» verpasste er ihnen einen kollegialen Knuff in die Nieren. Als 1989 die Mauer fiel und «Anything goes» sowie Tabubrüche definitiv in Schwung kamen und die Spassgesellschaft des Fin de siècle die Scheidungsraten gegen 50% klettern liess, placierte (NZZ-Rechtschreibung) er mit «Liebesverrat: Die Treulosen in der Literatur» (darin Schnitzler, Arthur) den Bestseller für das Nachttischchen der belesenen, aber schon geschiedenen 68er. Das Chamäleon begriff, was das verhurte Säkulum brauchte. Mit seinem Votum verhalf er dem dürftigen Text «Babyficker» eines Basler Feuilletonisten 1992 zum Bachmann-Preis. Der Kritiker des katholischen «Osservatore Romano» verliess angeekelt den Raum. Der Katholizismus war abgestreift, von Matt häutete sich zum Löwen des literärischen Tabubruchs. Köppel lernte von ihm die hohe Kunst der Brachialprovokation. Aus dem Bundeshaus rief nun täglich der Verkehrsminister an, um Metaphern, Alliterationen und Epitheta Ornantia seiner ausgefeilten Tunnel- und Brückeneröffnungsreden zu diskutieren - und wurde damit Cicero-Preisträger.

Aus dem «Grossen Kanton» wurden die Literaturpreise gleich im Dutzend angekarrt, dergestalt dass, weil jeder dieser Auszeichnungen eine Dankesrede erheischte, er manche auch ausschlug. Was sollte er sich Reden aus den Fingern saugen, wo er nun im breiten Ehebett seines Lehrstuhls in überfüllten Seminarräumen und Hörsälen regierte? Germanistinnen, Assistentinnen und Journalistinnen umstöckelten ihn: Schwarze, Brünette und Blonde. Er wurde Doktorvater ungezählter Dissertationen, ein grosser Frauenförderer, doch kein Förderer wirklicher akademischen Nachwuchses. Nach seiner letzten Vorlesung, die Studien­abbrecher Franz Hohler für die Nachwelt protokollierte, war weder Ziehsohn noch -tochter in Sicht, das monströse Chamäleon zu beerben.

Auf dem Rütli raunte es 2009 wieder von Mythen. Das Chamäleon justiert sich neu. Und auch zum krassen Grass-Gedicht jüngst weiss es sich adäquat zu positionieren - «es spielt eine Rolle, ob etwas in Deutschland oder in der Schweiz geäussert wird». Die hohe Kunst der Chamäleonistik, der Zwiespalt des Wortmächtigen.

Bin ich respektlos? Nein, dies alles ist so wahr, wie nur Satire sein darf. Genug das Kalb gemacht - zur Seite! Freie Fahrt dem Jubilar und seiner rasenden Gotthardpost!

(Giorgio Girardet/Nebelspalter)

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