Die Geschichte zum Bild
Influencer: Schein oder Nichtschein
publiziert: Donnerstag, 31. Aug 2017 / 07:31 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 31. Aug 2017 / 11:15 Uhr
 
 

Die Socialmedialisierung macht vieles einfacher. Zum Beispiel das Leben. Wenn man sich vor Augen hält, was früher alles dazugehörte; zu so einem Leben. Man weiss fast nicht, wo man anfangen soll: Essen. Schlafen. Über die Strasse gehen. Auf die Uhr schauen. Reden. Einen Nagel einschlagen. Atmen. Fahrradfahren. Arbeiten. Sitzen. Kopfnicken. Nachdenken. Die Liste ist endlos.

Gut, dass das jetzt vorbei ist. Die Sozialen Medien befreien uns von der Last einer realen Existenz. Der Trend geht hin zum Fake Life. Was für eine Erlösung. Die Stars der Sozialen Medien, die sogenannten Influencer, zeigen, wies funk­tioniert. Man nimmt zum Beispiel ein Stück Pizza in die Hand, hält sie vors Gesicht, macht ein glückliches Gesicht und lässt sich in dieser Pose fotografieren. Und das postet man mit dem Vermerk #yummy auf Instagram. Aber man isst die Pizza nicht.

Denn das Problem beim richtigen - also analogen - Essen ist, dass es Konsequenzen hat. Beispielsweise, dass man dann Kalorien zu sich nimmt. Wenn man richtig auf die Uhr schaut, sieht man, wie spät es ist. Wenn man richtig über die Strasse geht, gelangt man auf die andere Strassenseite. Das ist, was Influencer vermeiden wollen, die Folgen einer Handlung. Deshalb begnügen sie sich damit, so zu tun, als ob sie etwas täten, ein Foto davon zu machen und darauf möglichst gut auszusehen. Und das kommt an. Xenia Tchoumi zum Beispiel, die mal Xenia Tchoumitcheva hiess und 2006 den 2. Platz bei der Miss-Schweiz-Wahl belegte, hat 1,2 Millionen Follower auf Instagram, die begeistert verfolgen, wie ihr Idol tut, als würde sie gehen, nachdenken, essen oder staunen.

Und deshalb führen auch die, die von den Influencern beeinflusst werden, mehr und mehr ein Schein-Leben, das sie dann irgendwo posten. Das ist ja auch okay. Probleme entstehen nur, wenn die Schein-Lebenden mit den realen Existenzen in der realen Welt zusammentreffen. Denn leider sind die Schein-Lebenden nicht gekennzeichnet. Man weiss nicht, ob der, der neben einem auf dem Perron steht, wirklich in den nächsten Zug steigen will oder ob er nur so tut. Denn wenn er nur so tut, könnte er ja Platz machen. Es müsste spezielle Zonen für die Social-Media-Existenzen geben. Eine Ecke in der Badi für die, die gar nicht richtig baden wollen. Und im Restaurant für die, die nicht richtig essen wollen. Strassen, auf denen die einen Menschen tun können, als würden sie rübergehen, und andere, als würden sie Auto fahren. Dann gibt es weniger Unfälle.

Apropos. Weil diese Schein-Leben noch nicht sehr lange existieren, ist noch offen, wie sie beendet werden. Wahrscheinlich mit einem fotogenen Scheintod.

(Daniel Kaufmann/Nebelspalter)

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