Editorial
Image und Stoffwechsel
publiziert: Mittwoch, 5. Sep 2012 / 16:10 Uhr / aktualisiert: Freitag, 7. Sep 2012 / 15:20 Uhr
Carlo Schneider
Carlo Schneider

Lange Zeit gehörte ich zu jener Minderheit, die das weltweite Image-Problem, von dem unsere eigenen Medien seit der Nazigold-Debatte der 1990er-Jahre immer wieder berichten, als Trugbild unseres Schweizer Minderwertigkeitskomplexes ansah.

Finanzkrise und Steuerstreit haben nun dazu geführt, dass daraus ein echtes Problem geworden ist.

In den vergangenen Wochen hat sich die Lage zugespitzt: In den USA wurde bei Präsidentschafts-Herausforderer Mitt Romney allein der zeitweilige Besitz eines Schweizer Bankkontos als Beweis für dunkle Machenschaften und als Argument gegen seine Wählbarkeit gehandelt. Und deutsche Medien brandmarkten die Schweiz auf dem Hintergrund des umstrittenen Steuerabkommens als real existierenden Schurkenstaat. Wer derzeit in Köln oder Berlin erwähnen muss, aus der Schweiz zu stammen, kriegt zu spüren, was Kollektivschuld bedeutet.

Dies führt dazu, dass ich, um nicht von Wildfremden als Systemparasit oder Zürcher Bankengnom angepflaumt zu werden, bei Auslandsreisen in der Check-in-Schlange meinen Schweizer Pass möglichst versteckt halte (bis vor Kurzem präsentierte fast jeder Schweizer noch stolz sein Signalrot). Und nicht nur das: Um in Paris, London oder Barcelona nicht gleich von allen als Eidgenosse erkannt zu werden, verzichte ich sogar auf die hässlichen Funk­tionskleider, Outdoor-Textilien und Nylon-Rucksäcke, mit denen Schweizer sonst konsequent ins Ausland verreisen.

Die aktuelle Zwangslage ist gleich eine zweifache: Während das Land immer mehr zur konturlosen Grossagglo verkommt, die nichts mehr mit der beworbenen Heidiland-Idylle zu tun hat, marschieren wir sehenden Auges ins nächste Imagedebakel: Nach dem unethischen Finanzplatz wird zwangsläufig auch die unethische Rohstoffhandels-Drehscheibe Kontroversen befeuern. Etwas wird aber auch bei der nächsten Debatte gleich bleiben wie bei den zurückliegenden: Dass es den meisten Akteuren gar nicht um Ethik, sondern um Profite geht. Auf beiden Seiten.

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

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Editorial  Es muss auch einmal genug sein. Monatelang haben wir uns am Zerfall des Weltfussballverbands Fifa ergötzt, am Spott über Joseph S. Blatter gelabt und in den nicht enden wollenden Hiobsbotschaften vom Zürichberg und «Baur au Lac» gesuhlt.  
Editorial  Wir sind uns ja schon lange einig: Die Welt ist nicht nur schlecht, sie rückt auch Tag für Tag ihrem Ablaufdatum näher. Die allabendliche Tagesschau schlägt auf den Magen, Gang für Gang werden unverdauliche Schlagzeilen serviert, derweil wir Konsumenten mit zunehmenden Unverträglichkeiten auf bestimmte Sichtweisen und Sachlagen reagieren.  
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