Guter alter Drahtesel, adé!
publiziert: Dienstag, 28. Mrz 2017 / 11:03 Uhr / aktualisiert: Freitag, 31. Mrz 2017 / 15:40 Uhr
Das Leben ist gut - auch mit Velo?
Das Leben ist gut - auch mit Velo?

Verträumt und sinnlich verklärend mag da der eine oder andere (vermutlich) ältere Zeitgenosse in den notorisch beschworenen «guten alten Zeiten» schwelgen, als ein Velo noch ein Velo war: mit zwei Rädern, Lenker, Sattel, Klingel - fertig!... Gut, ein paar Teile drum herum gab es schon noch - aber mal ehrlich, wen haben die schon ernsthaft interessiert?

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In der postmodernen, Anglizismen-geschwängerten Welt haben wir uns mittlerweile schmerzhaft daran gewöhnen müssen, dass es DAS Velo nicht mehr gibt. Für jede Gelegenheit hat die Industrie ein als passend propagiertes Pendant erschaffen, und die Übersetzung ins Englisch gleich mitgeliefert: Race, Tour, Enduro, All Mountain, Freerider, Downhill, Uphill. die Reihe liesse sich schier endlos fortsetzen. Übersetzung ins Englische? Ins Deutsche wäre wohl angebrachter.

Scheinbar gibt es keinen Menschen mehr, der zum reinen Selbstzweck auf ein Velo steigt, um von A nach B zu kommen. Nein, es muss schon eine besondere Art der Fortbewegung sein. Also packen wir unser Velo auf den Dachträger für das Auto, und fahren irgendwo in den Wald, etwa um in möglichst kurzer Zeit eine teils ziemlich steil bergab verlaufende Strecke zu bewältigen - dann muss es natürlich ein Downhill sein. Für die gleiche Strecke nach oben taugt es dann nicht mehr, für den ultimativen Uphill Flow gibt es dann das Hardtrail Mountainbike. Wir (müssen) lernen, dass wer das direkte Fahrvergnügen liebt und seine Technik optimieren will, mit einem Hardtrail bestens beraten ist. Die Verwirrung ist jedenfalls beim Kunden angekommen. So stellt ein offenkundig verzweifelter Kaufinteressent, der ein «robustes Fully zwischen hardcore-Freerider und soft-Downhiller» (alles klar?) sucht, auf einer Internetplattform für Mountainbike-Enthusiasten existentielle Fragen: Wie viel Federweg macht Sinn? Ist mehr auch immer besser? Und überhaupt: Luft- oder Stahlfederung? Wie wichtig ist eine einstellbare Druck-/Zugstufendämpfung? Rahmengrösse? Radgrösse? Bremsscheibendurchmesser? Doppelbrückengabel?

Nebelbomben werfen

Scheinbar sehen es Marketing-Abteilungen der Hersteller als angebrachter an, mit ihren Marketing-Erfindungen und Wortschöpfungen eine gezielte Verwirrung gerade unter den dem Englischen nur wenig kundigen Neulingen im Zweirad-Hobbysport zu stiften - um ihn gezielt auch in einer solchen zu halten. Verwirrung stiftet aufkeimende Technikfrömmigkeit. Und: Aus dem demütigen Gefühl der Unkenntnis heraus wird - so das Credo der Werbestrategen - ungläubiges Staunen, das in Kaufreflexe münden soll. Über allem thront der allwissende Bike-Experte, der stilsicher gekonnt zwischen den Fachtermini hin- und herjongliert. Das schafft Respekt. Und Vertrauen. Und Bike-Frömmigkeit.

Detailverliebtheit treibt seltsame Stilblüten, für jede technische Detailabweichung gibt es gleich einen anderen Fahrradtyp: 100mm Unterschied im Federweg zwischen den Extremen, die sich auf sechs «Typen» verteilen. Das heisst, für alle 17 mm Federweg gibt es einen anderen Velotyp. Und wo liegt denn der signifikante Unterschied zwischen All Mountain und Enduro?
So wird das Studieren von Bikeheften jenseits einer eingefleischten Bike-Fetischistengemeinde für Laien zu einer nervenaufreibenden Geduldsprobe zwischen Ohnmacht und ungläubigem Staunen angesichts unverständlicher Fachbegriffe und Anglizismen.

Angefixt

Um sich bereits heute schon die Klientel von morgen zu sichern, werden Hersteller nicht müde, ein Artikelsortiment zu schnüren, das bereits gezielt auf die Bedürfnisse der Kleinsten hin zugeschnitten ist und jedes mehr oder wenig notwendige Accessoire kindgerecht in unzähligen knallbunten Versionen zum Kauf anbietet. Denn nur, wenn etwa ein unbestreitbar sinnvoller Fahrradhelm im wahrsten Sinne des Wortes 'cool' ist, wird er auch gerne von den «Kids» getragen, wie ein Hersteller freimütig bekundet. Dabei reicht die Palette vom kleinen City-Helm mit Comic-Motiven bis zur Mini-Version des coolen MTB Helms von Papa. So gewöhnen sich die Sprösslinge bereits an die Mode-Lastigkeit des - im Fall von Kinderhelmen zunächst notwendigen - Equipments. Bike to go statt Bike nachhaltig. Wenn's nicht mehr gefällt, einfach wegschmeissen und ein neues kaufen. So wird denn ein Kinderhelm mit Micky Maus schnell langweilig, nach einem halben Jahr soll es dann ein neuer, noch «coolerer» sein - auch wenn der Kopf mittlerweile noch nicht so recht mit den wachsenden Kinderwünschen mitwachsen will.

Elektrische Geschwister

Da sich die Versorgungswirtschaft und Stromlobby allmählich den Mensch als Homo Elektrikus untertan gemacht hat - so sind die Elektro-Junkies von heute etwa längst daran gewohnt, vor dem Zubettgehen einen Steckdosenparcours zu absolvieren, um all die hungrigen Akkus aufzuladen - war es eine Frage der Zeit, bis es zum unvermeidlichen Revival des lange in Vergessenheit geratenen «Fahrrades mit elektrischem Hilfsmotor» kommen musste. Denn so lautete das Velo von einst im offiziellen deutschen Sprachjargon - im globalen Lifestyle-Zeitalter eine völlig unhaltbare Bezeichnung.

Wer mit dem Bike zur Arbeit fährt, die Kinder zur Krippe transportiert oder regelmässig Steigungen überwinden muss, wird mit dem Elektrobike heutiger Tage liebäugeln, das einem das Fahren erheblich erleichtert. Doch auch wie beim Velo-Pendant ist die Palette an Elektrovelos mittlerweile riesig geworden - vom urbanen Designerteil bis zum Tourenvelo ist alles zu haben.

Velofahren 4.0 

E-Velos der neuesten Generation kommen als Hightech-Technikmonster daher: Bordcomputer sorgen als intelligentes Herzstück mittlerweile dafür, dass alle Funktionen in einem Gerät vereint sind. Der wie beim geplanten autonomen Autofahren zunehmend unmündiger werdende Velofahrer muss schliesslich jederzeit mit aktuellen Infos zu Geschwindigkeit, Trittfrequenz oder Reichweite versorgt sein. In die Pedale treten darf er zwar zeitweise schon noch selber. Schliesslich wird er dafür belohnt und darf in Trippausen mit dem eingebauten GPS navigieren oder auch seine persönliche Fitness analysieren. Jederzeit mit seiner Umwelt vernetzt zu sein firmiert neuerdings unter dem werbewirksamen Slogan von einer eBike-Connectivity. Apps für Android und iOS sorgen denn für eBike-Connectivity der nächsten Generation.

Ohne persönliches Cockpit, das Trittfrequenz- und Schaltempfehlungen von sich gibt, darf, kann und will sich der Velofahrer von morgen nicht mehr abfinden - das zumindest wollen die schleichenden Technikgläubigkeitskampagnen von Hersteller und Werbewirtschaft dem verunsicherten weil oftmals überforderten Velofahrer von heute zumindest suggerieren: Einfach nur Fahrradfahren war gestern, intelligent gesteuert werden ist morgen - willkommen in der schönen neuen Welt Velofahren 4.0.

(Helga Fischer)

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