Frisch gepinkelt ist halb profiliert
publiziert: Dienstag, 2. Sep 2008 / 20:32 Uhr

Zu den verbreiteten Begleiterscheinungen journalistischer Profilierungs-Zwangsstörungen gehört (gerade bei Erkrankung in den beruflichen Lehrjahren) die angewidert-dünkelhafte Humorkritik ...

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... die sich mit Vorliebe am Gegenstand des Schweizer Humors an sich und natürlich an seinem bekanntesten und ältesten Satiremagazin abreagiert.

Nachdem unserer Blatt vor wenigen Wochen wieder einmal Zielscheibe eines besonders heftigen Fieberschubs geworden war, ist Nebelspalter-Autor Giorgio Girardet in seinem Willensnation-Blog dem Phänomen des Nebelspalter-Bashings nachgegangen - mit erstaunlichen Erkenntnissen.

«Eine Fliege die nicht geklappt werden will, setzt sich am besten auf die Klappe selbst.»

Georg Christoph Lichtenberg,
1742 – 1799, deutscher Aufklärer

Man will, man muss – und das natürlich auch frau, aber in diesem Kontext doch eher man, ­ und dieses vor allem in der Medienszene – up to date sein, in und sexy. Wie kann man sich als in der Schweiz als «Kerl von Geist und Witz» beweisen? Indem man sich über die «helvetische Humorpostille» das «biedere Schweizer Witzblatt», kurz: «die älteste Satire-Zeitschrift der Welt», den 133jährigen ‹Nebelspalter› erhebt, sich lustig macht, ihn schlecht schreibt. Franz Hohler (einst fleissiger Nebi-Mitarbeiter) tat es in seinem jüngsten Bestseller «Es klopft». Das muss uns nicht schmerzen, denn einen Franz Hohler («einer der grössten Erzähler seines Landes», Klappentext) kann sich der ‹Nebelspalter› nicht (mehr) leisten, einen Peter Schneider (dessen Honorar für seinen Textschnipsel in der «Sonntagszeitung» wir hier nicht breitschlagen wollen) auch nicht. Und weder Lorenz Keiser (der im ‹Nebelspalter› seine Karriere begann) noch «Victor Giacobbo» (dessen Casino-Theaterinserate im ‹Nebelspalter› von einem kaufkräftigen Publikum beachtet werden) liegen im Budget: Aber selbst die finanzstarke Tamedia konnte die beiden letztgenannten nicht als Freitags-Satiriker halten.

Eine der gröbsten – und dümmsten – Breitseiten schoss der im fernen Berlin weilende Medienblogger Schweizer R. G. ab. Ergebnis seines Nebelspalter-Tests: einer von zehn Punkten («Micky Maus»: neun von zehn). Der Tagi-Journi T. K. charakterisierte das im thurgauischen Horn produzierte Satiremagazin als «den kranken Mann vom Bodensee», der deshalb nicht schlecht zu den Ärzte-Wartezimmern passe, in denen er doch vornehmlich anzutreffen sei. Und auch B. F., eine bloggende Kolumnenschleuder, «kotzte» in die «NZZ am Sonntag» folgenden Befund: «Der ‹Nebelspalter›, einst die humoristische Landesverteidigung der Schweiz, dümpelt nur noch vor sich hin. Mehr als antiamerikanische Zeichnungen und Fasnachtswitze scheinen den Zeitschriftenmachern nicht mehr einzufallen.»

Spalten wir also etwas den Nebel. Könnte es allenfalls sein – wir fragen –, dass einer der soeben zitierten geschmacksicher-ennuyierten Satireexperten sich allenfalls 2004 vergeblich um die Stelle als Chefredaktor des ‹Nebelspalter› bewarb? Es wurde eine andere Wahl getroffen, sorry. Könnte es weiter sein – wir fragen –, dass ein anderer unter den oben Zitierten, kaum war seine «fundierte» Analyse des helvetischen Humorschaffens erschienen, dem Nebi mildtätig seine Mitarbeit angeboten hat? Und können Sie es mir als Leser verargen, wenn wir nun dem Gerücht, auch der dritte der oben Zitierten werde demnächst Texte zur «Verbesserung des Humor-Niveaus» nach Horn schicken, einige Glaubwürdigkeit beimessen? Wäre dies nicht menschlich - vielleicht allzu menschlich? (über journalistische «Nestbeschmutzer» hier)

Kleiner Hinweis: Constantin Seibt («Journalist des Jahres 2007», Verlagswerbung: «Nebelspalter tot – Seibt lebt»), der als Widerpart des preisgekrönten «Weltwoche»- Kolumnisten Mörgeli scheiterte und nun als Freitags-Satiriker des «Tages-Anzeigers» die Probezeit überlebt hat (1. Kolumne nach den Ferien am 5. September), versuchte es Mitte Neunziger – als er noch jung und hungrig war – zusammen mit dem heute gefeierten Literaten Peter Stamm mit der «Rettung des Nebelspalters». Doch der Erfinder der «Familie Monster» (WoZ-Kultkolumne) räumt der «Willensnation» gegenüber ein: Neben der Arbeit bei der «Wochenzeitung», sei eine weitere Satirefront trotz «geschissen guter Honorare» damals für ihn einfach «little too tough» gewesen. Es war übrigens diese geniale «Raschle-Truppe», die für jene Abonnentenflucht sorgte, die den «Nebelspalter» wirtschaftlich an den Abgrund brachte.

Seit dem Relaunch des «Nebelspalter» 2005 haben nebst den soliden Nebi-Urgesteinen aus der Ex-DDR, den alten Bundesländern, Österreich und der Schweiz folgende extra-lustige Eidgenossen regelmässig Beiträge publiziert: Andreas Thiel (Prix Pantheon 2005, Prix Cornichon 2008), Simon Enzler (Salzburger Stier 2007), Pedro Lenz (Literaturpreis „Arbeit und Alltag“ 2004, CH-Hoffnung Klagenfurt 2008) und Gion Mathias Cavelty (einst «literarische Entdeckung», Klagenfurt-Kandidat nun Weltwoche-Kolumnist und Star-Blick-Reporter).

Die Abonenntenzahl hat seit 2005 um mindestens 20 Prozent zugelegt, preisbewusste Inserenten haben das begriffen, die hippen Tussis in den Medienagenturen in Zürich noch nicht (aber die verlassen sich ja auf die «Kerle von Geist und Witz» in den Blogs und Blätter).

Wer meint, er sei witziger als der ‹Nebelspalter›, der soll es doch zuerst mit Sketches für das «Turnerchränzli» oder Beiträgen für die örtliche Fastnachtszeitung versuchen oder – vielleicht noch besser: Klappe halten. In Horn gesucht sind aber weiterhin hungrige Talente mit Potenzial.

Giorgio Girardet

PS: Am 5. September ist der «Tagi» mit Seibt-Kolumne (Fr 2.50) und der neue «Nebelspalter» (Fr. 9.80) am Kiosk: Wo ist wohl der Satire-Franken besser angelegt?

(Nebelspalter)

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Nebelspalter Nr. 5/2012

Der nächste ‹Nebelspalter› erscheint am Freitag, 1. Juni unter anderem ohne diesen elitären Elfenbeinturm-Witz:

Ein Professor und ein Student stehen zufällig nebeneinander auf der Toilette. Sagt der Student: «Es ist aber schön, dass wir hier mal nicht als Professor und Student, sondern als zwei Männer stehen.» Antwortet der Professor: «Ja, aber wie ich sehe, haben Sie diesmal wieder den Kürzeren gezogen.»

 
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