Die Geschichte zum Bild
Elektro-Junkies
publiziert: Donnerstag, 1. Dez 2016 / 00:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 1. Dez 2016 / 17:16 Uhr

Das Nein zur Atomausstiegsinitiative ist eine verpasste Chance. Denn es ging nicht nur um die Atomkraft. Sondern um Elektrizität an sich.

Die Initiativgegner haben sich durchgesetzt, indem sie behaupteten, dass bei einem vorzeitigenAusstieg aus der Kernenergie nicht mehr genügend Strom vorhanden sei. Die Stromlücke. Uääääääää. Was für eine Horrorvorstellung. Ohne Strom geht ja nichts mehr. Der moderne Mensch, der Homo Elektrikus, ist es gewohnt, vor dem Zubettgehen einen Steckdosenparcours zu absolvieren, um all die hungrigen Akkus aufzuladen. Das Smartphone, die Smartwatch, den Handy-Lautsprecher, das Tablet, den Staubsauger-Roboter, den Schraubenzieher, die Fahrradlampe, den Elektro-Rasierer, die Elektrozahnbürse, die Heckenschere, das E-Bike, den Tesla und die E-Zigarette. E-Zigarette! Leute brauchen ernsthaft Strom, um zu rauchen.

Man fragt sich, was schlimmer ist: Die Abhängigkeit von Nikotin oder die Abhängigkeit vom Strom. Der Mensch ist ein Elektro-Junkie. Der Stromlobby ist es gelungen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es Strom brauche, um Fahrrad zu fahren oder sich die Zähne zu putzen. Der Mensch glaubt ja alles in diesen postfaktischen Zeiten. Bestimmt hat die Strom-Mafia auch Weihnachten erfunden. So wie die Blumen-Mafia den Valentinstag. Was da mit dieser Weihnachtsbeleuchtung, diesem Lämpchen-Tsunami, an Strom verbraucht wird. Hätte der Sohn Gottes, falls es ihn denn gegeben haben sollte, wirklich gewollt, dass Atomkraftwerke gebaut werden, um seinen Geburtstag zu feiern?

Es ist Zeit, Gegensteuer zu geben. Es gibt ja zaghafte Versuche. Wie etwadie Uhrenumstellung von Winter- auf Sommerzeit, mit der man Strom sparen wollte. Der Effekt geht aber gegen null. Wirksamer wäre die Kalenderumstellung. Wenn man Dezember und Juli tauschen würde, dann würde die Weihnachtsbeleuchtung erst abends um zehn Uhr einschalten und nicht schon um fünf. Man könnte auch spezielle Tage einführen. Wie früher den autofreien Sonntag und den fernsehfreien Dienstag. Am Black Friday könnte man das Leben ohne Strom geniessen. Auf offenem Feuer kochen, einen guten Freund mit dem Schnurtelefon anrufen, den Tesla schieben.

Ja, der Mensch muss wieder lernen, zu verzichten. In Nordkorea etwa, das sieht man auf den nächtlichen Satellitenbildern, wird viel weniger Licht gemacht als bei uns. Dabei kennen die dort die Atomenergie auch. Aber sie setzen sie gezielter ein und lassen ab und zu eine Bombe platzen.

(Daniel Kaufmann/Nebelspalter)

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