Ein Nichtsnutz, wer das Nichts nicht nutzt
publiziert: Donnerstag, 3. Mai 2012 / 15:51 Uhr
 
 

Wir müssen die Berge nutzen, auch wenn sie hohl sind. Gerade ihre Hohlheit gilt es gewinnbringend anzulegen, das heisst: zu verkaufen. Marketing ist alles!

Soll niemand sagen, aus nichts (Löchern im Stein nämlich) lasse sich nichts machen! Man nehme sich am Emmentaler Käse ein Exempel. Hier einige Vorschläge zur profitablen Nutzung unserer alpinen Innereien. Aber auch felsige Schründe und ewiges Eis haben durchaus ihre Reize.


1. Hochalpencamp

Die Alternative zum, was sag ich, die Fortsetzung des «Dschungelcamps», liegt in den Bergen. Überleben im Hochgebirge soll das Motto sein, und ich seh sie bereits schlottern, die abgehalfterten Land- und Gämsjäger-Prominenzen: «Ich bin ein Star ? holt mich hier runter!» Was gibt das für Bilder, wenn sie sich auf die Jagd nach Murmeltieren machen und versuchen, dem Steinbock mit dem Wanderstock ein Bein zu stellen! Und wenns auf der Alm koa Sünd gibt, wie viel mehr gilt das für noch höhere Gefilde! Die Tourismusbranche wird frohlocken: Was ist das öde ewig blaue Meer, was ist ein Urwäldchen gegen die Exotik (ja, und auch Erotik) der letzten Gletschermilch?


2. Stollenlager

Die Bettwiler und Fischbacher und Laupersdorfer und Weggiser und alle die Dörfer, die noch nicht Gelegenheit hatten, sich explizit und mit Nachdruck und St. Florian an der Halskette tragend gegen eine Asylbewerberunterkunft zu wehren, können aufatmen. Die leeren Stollen bieten sich geradezu an als Notunterkünfte. Was Schweizer Soldaten während Jahrzehnten ohne Skrupel zugemutet werden konnte, darf auch jungen Afrikanern zugemutet werden. Und wer nach frischer Luft dürstet, den Stollen verlassen will, kann sich als Wildheuer profilieren. Schnell wird sich auch bei Schleppern herumsprechen, dass in Gneis, Granit und Schiefer weder Milch noch Honig fliessen.


3. Uteral-Therapie

Es soll ja Frauen geben, die sich ihr Kind lieber per Kaiserschnitt ins Leben holen als auf natürlichem Weg. Dass sie dadurch auch ihren Kindern Erfahrungen ersparen, haben gewitzte Psychologinnen längst entdeckt. Nun ist sie da, die Gelegenheit, Verpasstes nachzuholen. Kaiserschnittlern, die sich über mangelnde Durchsetzungskraft im rauen wirtschaftlichen Umfeld beklagen, öffnen sich neue Türen. Aber sie müssen sie selber öffnen. In der postnatalen Uteral-Therapie in einem Bunker in den Walliser Alpen, aber auch im Gotthardmassiv hats solche und in den Bündner und Glarner Bergen ? das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport wird die Verzeichnisse gewiss herausrücken ? können Betroffene unter Anleitung sich mit Pickel und Dynamit aneignen, was ihnen ihre Mutter vorenthalten hat. Sich durchbeissen nämlich.


4. Reliquien-Geschäft

Erinnern Sie sich an den Mauerfall? Haben auch Sie ein Stück Berliner Mauer in Ihrer Wohnwand stehen? Die Alpen sind voller Steine; man muss sie nur mit Bedeutung aufladen. Vielleicht beginnt man mit Bergen, die nach Personen benannt sind, Pilatus zum Beispiel. Kein Heiliger zwar, aber John Lennon war auch keiner. Oder die Dufourspitze, der Mönch. Mit dem St. Gotthard haben wir doch noch einen Heiligen im Sortiment. Oder die Jungfrau! Man muss ja nicht heikel tun, darf das nicht so eng sehen. Das Matterhorn kann sowohl an Troubadour Mani als auch Erzgauner Bernhart erinnern. Berge abtragen: Das hat den Vorteil, dass wir der Verwirklichung der uralten Forderung nach freier Sicht aufs Mittelmeer näherkommen. Sag ichs doch: Man muss kein Zauberer sein, um aus Stein Kohle zu machen.

Peter Weingartner

(Nebelspalter)

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