Die Geschichte zum Bild
Diese doofen Zöpfchen
publiziert: Freitag, 29. Jan 2016 / 09:40 Uhr
 
 

«Sind die doofen Zöpfchen schuld?», fragt der Blick in seiner Schlagzeile. Schon möglich. Was muss sie auch so doofe Zöpfchen haben? Man kann sich doch denken, dass man Probleme bekommt, wenn man doofe Zöpfchen hat...

Natürlich ist es nicht verboten, doofe Zöpfchen zu haben. Jede und jeder, wie er will. Man muss halt bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Zum Beispiel kann es passieren, dass man den Kopf in eine Glashaube stecken, in der Hunderte Fliegen herumschwirren, und dabei Karaoke singen muss. Ja. Ist halt so. Mit so doofen Zöpfchen.

Immer und immer wieder wählt das Publikum der RTL-Sendung «Ich bin ein Star - holt mich hier raus» die gleiche Teilnehmerin für die Dschungelprüfungen. Helena Fürst, eine Fernsehmoderatorin. Wegen ihrer Zöpfchen oder weswegen auch immer. Die Zuschauer werden schon ihre Gründe haben. Das ist das Coole an dieser Sendung. Dieses Demokratische.

Während wir in der Schweiz gerade umständlich diskutieren, wie viel Macht das Volk haben soll, im Dschungelcamp wird es gelebt. Und zwar total. Die Mehrheit entscheidet. Die Mehrheit schmeisst Leute raus, die Mehrheit bestraft. Unmittelbar, ohne lange Verfahren. Grossartig. Denn die Mehrheit ist natürlich gescheiter als ein Einzelner. Das ist diese Schwarmintelligenz. Und sieben Millionen RTL-Zuschauer sind ein sehr grosser Schwarm.

Es gibt mehr Dschungelcamp-Zuschauer als Stimmberechtigte in der Schweiz. Das müsste uns, die wir grössten Wert auf das demokratische Prinzip legen, ermuntern, vom Dschungelcamp zu lernen. Noch immer gibt es viel zu viele Dinge in unserem Alltag, die nicht vom Volk entschieden werden. Sondern zum Beispiel von Richtern. Aber was kann so ein einzelner Richter schon wissen im Vergleich zu uns allen?

Man müsste halt die Gerichtsverhandlungen im Fernsehen zeigen, als Service public, und die Zuschauer voten lassen. Das Problem ist, dass das Volk im Moment nur an Abstimmungswochenenden erreichbar ist. Oder eben ab und zu mal an einer Fernsehsendung. Kürzlich hat das Schweizer Fernsehvolk Polo Hofer zum Schweizer des Jahres gewählt. Man weiss nicht genau, warum.

Aber das ist es ja. Als einzelner Mensch ist man wegen der begrenzten Gehirnleistung gar nicht in der Lage, solche Dinge zu begreifen. Aber wenn alle Gehirne zusammengeschaltet werden, dann entsteht daraus so eine Art «Superrechner». Vielleicht müsste das Volk eine Facebook-Seite einrichten. Dort könnte man dem Volk permanent Fragen stellen.

Zum Beispiel was man anziehen soll. Oder auch schwierigere Dinge. Das Volk könnte - als Schwarm - über die Relativitätstheorie nachdenken. Und dann nehmen wir das, was die Mehrheit sagt. Albert Einstein war ja ganz alleine, wer weiss, ob da wirklich alles stimmt. Zudem war seine Frisur genauso doof wie die von Helena Fürst im Dschungelcamp.

(Daniel Kaufmann/Nebelspalter)

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