Dialektik der Abgrenzung
«Die da oben ...»
publiziert: Donnerstag, 16. Mrz 2017 / 08:02 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 16. Mrz 2017 / 11:55 Uhr
 
 

Der Stammtisch weiss es schon seit dem 1. August 1291: Ohne regelmässige Denkzettel machen die da oben, was sie wollen. Unsere Elite: Wir porträtieren in dieser Nummer diese so beneidete wie verhasste Minderheit.

Die da oben machen ja doch, was sie wollen. Das war Vaters Leitsatz, und damit  war Paulchen aufgewachsen. Als kleiner Junge glaubte er, dass mit denen da oben der liebe Gott und seine Jungs gemeint wären, weil Vater diesen Satz sehr oft gebrauchte, wenn es zum Beispiel zu viel oder zu wenig geregnet hatte.

Oben in Bern

Aber als dann Vaters Leitsatz noch mit «die da oben in Bern» ergänzt wurde, war er verwirrt. Er ging nun schon in die Schule und wusste, dass Bern 300 Meter tiefer lag als seine Heimatgemeinde. Somit hätte es «die da unten in Bern» heissen müssen.

Nun war ja in Pauls Kinderzeit so ein Vater eine Respektsperson in der Familie, der man nicht widersprach und deren Aussagen niemals in Zweifel gezogen wurden. Aber hier ging es schliesslich um 300 Meter Höhendifferenz. «Vater, Bern liegt doch aber 300 Meter weiter unten, es muss heissen: die da unten in Bern.»

Der Vater sah ihn erstaunt an, er sah ihn zum ersten Mal als ein selbstständig denkendes Menschlein. Und dann erklärte er dem Sohn, was mit «denen da oben» gemeint war. Dass es nämlich die waren, die immer alles bestimmten, alles vorschrieben, alles besser wüssten und von allen anderen Gehorsam erwarteten. «So wie du, Vater?», sprudelte es aus Paulchen heraus, was nicht gerade geschickt war.

Politisches Engagement

Die Jahre vergingen, Paul machte Matur mit einem guten Resultat, was dem Vater gefiel, und entschied sich für ein Politik-Studium, was dem Vater nicht gefiel. Zehn Jahre später: Paul ist ein engagierter Politiker geworden und gehört nun ebenfalls «zu denen da oben». Und das löst naturgemäss hitzige Diskussionen in der Familie aus.

Wahlen und Abstimmungen

Schlimm ist es jeweils vor oder nach den Wahlen oder Abstimmungen, zu denen der Vater noch immer nicht geht. Weshalb sollte er, die da oben machen ja doch ... (Das hatten wir schon.) Und wenn es ganz heftig zugeht, schreitet die Mutter energisch ein.

«Schluss jetzt! Ich will kein Wort mehr über Politik hören, sonst gibt es für euch beide nichts zum Essen.» Ja, auch die Mutter hat sich verändert, sie ist nicht mehr so pflegeleicht wie früher und sagt den beiden klar und deutlich, was ihr nicht passt.

Ein Happy End gibt es bei dieser Geschichte nicht, höchstens ein kleines. Zwar ist Vaters Leitsatz noch nicht ganz gestorben, aber er ist unterdessen zu einem dummen Spruch degradiert worden.

(Renate Gerlach/Nebelspalter)

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