Unsere Advents-Reportage
Die Kerzenausbläserin
publiziert: Donnerstag, 8. Dez 2016 / 00:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 8. Dez 2016 / 17:04 Uhr
 
 

Diese Nachricht ist leider nicht erfunden: Eine Duftkerze namens «New MacCandle» soll in den heimischen vier Wänden den Duft fabrikneuer Apple-Produkte verströmen.

Dies sorgt zwar für Heiterkeit im Netz - trotzdem ist sie ausverkauft. (Der Name des Herstellers lautet «Twelve South Avenues».)

Auch das Kerzenhandwerk muss sich also den neuen Herausforderungen des technischen Zeitalters stellen. Folglich muss es niemanden überraschen, dass es in diesem Segment nur noch wenige traditionelle Berufe gibt, zum Beispiel die Kerzenausbläserin - was sind das für Menschen? Virtuosinnen des Lufthauchs? Anachronistische Sachwalterinnen einer niedergehenden Zunft? Traditionsbewusste Handwerkerinnen des wirklich langen Atems?

Ein Luftzug bringt mich in ungeahnte Höhen. Hier, im oberen Val de Pustre, jenseits der Schal-, aber diesseits der Mützengrenze, ganz in der Nähe der kleinen Gemeinde St. Earin im Greyerzerland, in 1800 Metern Höhe über dem Meer, erhoffe ich mir Antwort auf meine Fragen. Mein Ziel: Blasolaz. Beim Aufstieg kommen mir die Menschen seltsam vertraut vor, sie sehen aus wie du und ich, hauptsächlich allerdings wie du. Wohlmeinende Wesen weisen mir wortreich den Weg. Bald bin ich am Ziel.

Appolonia heisst sie, die letzte Kerzenausbläserin, ein schöner Name, ein schlichter Name, ein weiser Name, weisend womöglich. Wer weiss? Er erinnert jedenfalls entfernt an ein Mineralwasser. Blass ist sie, unsere Kerzensbrecherin, so blass wie der Tod von Basel, mager, sattsam aufgezehrt, grad als hätte ihr wer das Vaterunser durch die Backen geblasen - aber darf man vorschnell urteilen und somit dem Teufel eine Kerze anzünden? Nein und abermals nein! Denn ihre Backen versteht Appolonia aufzuplustern wie kein anderes Lebewesen, abgesehen von Dizzy Gillespie, aber der ist ja A. D. 1993 von wannen gegangen.

Ihr Gemahl - den Namen werde ich wohl nie erfahren, garstiges Schicksal, ewiges Geheimnis! - kredenzt uns Pustekuchen. Sie muss bei Kräften bleiben, erzählt er, und bei Laune, denn das Leben, sagt er, ist hart. Das Leben ist tatsächlich hart, blase ich ins gleiche Horn, aber es ist auch schön. Er nickt. Aber eben auch hart.
Nun, rufe ich aus, ist das nicht auch eine Voraussetzung? Äh ... Herausforderung? Er daraufhin: «Docht!» Appolonia lenkt die Aufmerksamkeit wieder bescheiden auf sich.

Die Zeiten des kurzen Aufblasens seien endgültig passé. Jüngeren Menschen ginge rasch die Luft aus, vor allem bei neueren Modellen wie Zünd-, Wunder- und Leuchtkerzen. Sie selbst sei zwar nur ein kleines Licht, aber die Techniken beherrsche sie alle - oder sagte sie Technologien? Wie zum Beweis bringt sie - nomen est omen - das Hindenburglicht auf der Konsole zum Schweigen, ein dünner Pfiff in schlankem Kanal aus gespitzten Lippen. Meisterlich! Ich erlaube mir die Frage, wo denn Kerzenausbläser heute noch Verwendung fänden. Sie erlaube mir die Frage, gewisslich, mein Interesse freue sie, das larmoyante Geschwätz blasierter Zeitgeistjournalisten hingegen hielte sie nicht aus: «Kann de Laberei vertragen nicht!», sagt sie.

An Weihnachten selbstredend, aber auch auf Geburtstagen blase sie, auf Friedhöfen. In Kapellen ... Blasorchester fragten häufig ihre Künste an ... oder Kirchen ... Kommunionskerzen zum Beispiel ... in Restaurants ... manchmal verkleide sie sich als Amor und beende zärtliche Tête-à-Têtes mit einem Luftikuss. Nie scheint ihr die Luft auszugehen, wie wenn die Grenzen des Wachstums nicht existierten. Blasenentzündungen können ihr nichts anhaben. Mit Armleuchtern habe sie nichts im Sinn, sagt Appolonia und hält inne.

Um sie herum hat sich indes ihre ganze Blase versammelt. Milde lässt sie ihren Blick schweifen. Kerzenausbläser, fährt sie fort, und spricht diese Worte fast andächtig, als wolle sie sie in Blasenstein gemetzelt sehen, Kerzenausbläser sei ein ehrenvoller Beruf in bester helvetischer Tradition und ein gefährlicher obendrein durch das immerwährende Spiel mit dem Feuer. Sie habe immer alle gleich behandelt - Flambeaus ebenso wie siebenarmige Leuchter. Allen solle ein Licht aufgehen und auch wieder aus.

Appolonia senkt ihren Blick. Ich spüre instinktiv: Hier ist gerade ein Gespräch zu Ende gegangen. Doch vieles bleibt ungeklärt - Probleme der Ethik, moralische Aspekte, die Rolle des Lebenslichts im Zeitalter der Blasphemie oder was man bei einem Stromausfall mit Kerzen alles anstellen kann und warum in der Gruyère dieser Beruf den Frauen vorbehalten ist - ich muss sie für mich behalten, diese Fragen. Aber geht nicht jedem Menschen mal die Puste aus? Als ich mich ein allerletztes Mal umdrehe, erhellt ihre Lichtgestalt die Umrisse von Blasolaz.

(Thomas C. Breuer/Nebelspalter)

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