Aus dem Tagebuch eines Parlamentariers
«Der Volkswille wird konsequent umgesetzt»
publiziert: Freitag, 27. Jan 2017 / 08:30 Uhr / aktualisiert: Freitag, 27. Jan 2017 / 08:46 Uhr
 
 

Wähler und Politiker entfremden sich zunehmen voneinander: Das ist eine oft gehörte Klage dieser Tage. Unser Reporter ist dagegen angetreten und hat einem Bundesparlamentarier zwei Wochen über die Schulter geschaut - und ins Tagebuch geschielt.

Montag
Mit Honegger von «aPharma» im Marmite Mittag gegessen. Werde mich ohne Vorbehalt für die PFZ einsetzen. Wir brauchen qualifizierte Arbeitskräfte. Abgesehen davon: Ohne mein Know-how ist der Verwaltungsrat der aPharma sowieso am Arsch.

          ***

Dienstag
Windisch, Kronensaal. Podiumsgespräch in der Partei. Konsequente Linie vertreten. Die direkte Demokratie ist ohne Vorbehalt zu unterstützen. Gegen die Masseneinwanderung hilft nur die Kündigung der Bilateralen. Das Volk erwartet kein Wischiwaschi, sondern klare Worte.

          ***

Mittwoch
VR-Sitzung in der Bank. Bei einer Kündigung der Bilateralen wäre der Ausbau unserer Standorte in Osteuropa gefährdet. Als ob die EU-Mitgliedstaaten einstimmig die Verträge kündigen würden. Dem VR erklärt, dass wir das nie hinnehmen würden.
 
          ***

Donnerstag
Ein Journalist unterstellt mir, ich hätte vor zwei Tagen in Windisch die Kündigung der Bilateralen in Aussicht gestellt. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Hoffentlich lesen sie in der Bank diesen Mist nicht.

          ***

Freitag
Fraktionssitzung wegen der Schutzklausel zugunsten Einheimischer bei hoher Arbeitslosigkeit in einer Branche. Das eingeholte Gutachten spricht von Diskriminierung ausländischer Arbeitskräfte und einem Verstoss gegen die Bilateralen. Die Fraktion akzeptiert meinen Antrag, ein besseres Gutachten einzuholen.

          ***

Samstag
Das Tagblatt schreibt unter dem Titel «Der Fünfer und das Weggli», wir hätten zwischen der PFZ und der klaren Umsetzung der Initiative zu entscheiden. Endlich merkt das auch die Presse. Man kann nicht alles haben.

          ***

Sonntag
Vater-Tochter-Gespräch mit Lara. Hat grosse Bedenken, dass sie nach einer Kündigung der Bilateralen nach dem Studium nicht in Berlin bei ihrem Freund arbeiten kann. Habe ihr geduldig erklärt, was die Aufgabe von uns Politikern ist: Dafür sorgen, dass uns die Deutschen nicht hier die besten Jobs wegnehmen und gleichzeitig sicherstellen, dass der Austausch von Wissen unter befreundeten Nationen funktioniert. Sie bleibt skeptisch. Pah, Jugendliche ? !

          ***

Montag
Fragestunde beim Bauernverband. Bauern sorgen sich wegen der polnischen Erntehelfer, die bei einer Kündigung der Verträge ausbleiben würden. Überzeugend dargelegt, dass das ab 2018 nicht mehr Erntehelfer, sondern «Austauschstudenten im Agrarbereich» sind. Höchste Zeit, dass die diskriminierende Bezeichnung «Ern­tehelfer» verschwindet. Wir haben schliesslich auch die Neger auf den Baumwollfeldern nicht mehr.

          ***
 
Dienstag
Kurzauftritt in der Sendung «Background». Der Moderator will mich festnageln, ob ich nun für oder gegen die Kündigung der Bilateralen bin. Habe ganz klar gesagt, wenn es nicht anders geht, müssen wir halt dieses Fehlkonstrukt aus Brüssel kündigen.

          ***
 
Mittwoch
Anruf von Wittelsbach. Der Bank-CEO will gehört haben, ich befürworte die Kündigung der Bilateralen. Musste lang erklären, was meine Formulierung «wenns nicht anders geht» heisst. Es gibt immer einen anderen Weg. Der Begriff «Alternativlosigkeit» ist Muttis Erfindung, nicht meine.

          ***
 
Donnerstag
Vertrauliches Treffen mit Parteispitze. Die wollen von mir ein schriftliches Bekenntnis zur wortgetreuen Umsetzung der Initiative und der Kündigung der Bilateralen als Bedingung für ihre Unterstützung meiner Wahl ins Präsidium. Reine Formsache; für mich war das immer klar.

(Ruedi Stricker/Nebelspalter)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
 
 
Leute von heute  Elton John hat an der Beerdigung von Lady Di gesungen. Als ob der Anlass nicht schon genug traurig gewesen wäre. Der Künstler hat bisher über dreihundert Millionen Ton-träger verkauft und gehört damit zu den erfolgreichsten Musikern überhaupt... mehr lesen 
Leute von heute  Aretha Louise Franklin ist die unumstrittene «Queen of Soul» (was auf Deutsch übersetzt zugegeben recht bescheuert klingen würde) und ... mehr lesen
 
 
Leute von heute  Geboren und später wieder heimisch ist der Jubilar am Bodensee. Thema fast all seiner Schöpfungen ist die Darstellung innerer Konflikte von ... mehr lesen  
Dialektik der Abgrenzung  Der Stammtisch weiss es schon seit dem 1. August 1291: Ohne regelmässige Denkzettel machen die da ... mehr lesen  
 
AKTUELLE AUSGABE
Aktuelle Ausgabe

Aktuelle April-Ausgabe

Nebelspalter Nr. 04/2017  ist ab dem 31. März 2017 am Zeitschriften-Kiosk, im Abo oder als E-Paper-Download erhätlich. Zum Inhalt.

 

Nächste Ausgabe

Nebelspalter Nr. 5/2017

 

 

Der nächste
«Nebelspalter»
erscheint
am Freitag,
5. Mai 2017

 

 
Publinews
   
Das Leben ist gut - auch mit Velo?
Publinews Verträumt und sinnlich verklärend mag da der eine oder andere (vermutlich) ältere Zeitgenosse in den notorisch beschworenen «guten alten Zeiten» schwelgen, als ein Velo noch ... mehr lesen
Eine Hütte in den Schweizer Bergen - doch bis man sie erst einmal gefunden hat...
Publinews Pauschalreisen, klassische Hotelzimmer mit Zimmerservice, Essenspaketen und Getränken inklusive - das war gestern. Wer heute einen ... mehr lesen
Stellenmarkt.ch
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 6°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Basel 8°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
St. Gallen 10°C 17°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Bern 4°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Luzern 9°C 18°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Genf 4°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Lugano 8°C 20°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten