Der Unterschied zum Glück: 3 cm
publiziert: Mittwoch, 5. Sep 2012 / 17:12 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 6. Sep 2012 / 14:16 Uhr
Matthias Schwoerer
Matthias Schwoerer

Tanten können aus langjähriger Erfahrung genau kalkulieren, wohin der Strahl der Neugeborenen geht: Wenige Zentimeter in mässigem Bogen nach oben.

Sie können sich entsprechend nahe an den neuen Wonneproppen heranwagen und ihr endloses «Eia, eia, wie süss er is» stundenlang gefahrlos wiederholen. Nicht so dieses Mal. Ihre grellen Schreie haben mein postnatales Syndrom ein ganzes Leben lang geprägt, so dass ich meinen besten Freund ungern älteren Damen zeige. «Er hat mir auf die Schuhe gepinkelt!» Sie schauten kurz nach oben (wobei mich noch heute das Abnehmen von Brillen in panikähnliche Zustände versetzt), riefen sofort einen Arzt und sorgten sich masslos, dass meine Entwässerung nicht regulär vonstattengehen könne. Der Arzt nahm auch seine Brille ab und diktierte: «Schnipp-schnapp!» Der Rest geschah wohl in Narkose, ich wurde erst wach, als alle wieder ihre Sehhilfen auf der Nase hatten.

In jedem Falle war ich nun etwas Besonderes, denn ungewöhnlich viele Nachbarn brachten Geschenke, um auch einmal sehen zu können, wie «das da unten ohne aussieht». Sie diskutierten über Vor- und Nachteile dieses unnatürlichen Zustandes und kamen übereinstimmend zum Schluss, dass ich wohl beim anderen Geschlecht Probleme haben werde, weil «ohne» halt doch nicht ganz so vollständig sei als «mit».

Das Gegenteil traf ein. Es muss etwa in der dritten Primarklasse gewesen sein, als sich Samuel beim Duschen an mich heranschlich und flüsterte: «Herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft!» Und plötzlich wurde ich in Kreisen herumgereicht, die mir bis dahin unbekannt waren, sich aber mir gegenüber als sehr wohlmeinend zeigten. Es gab immer genügend Kuchen, viele grosszügige Geschenke, und schwarz gekleidete Männer mit wallenden Bärten erzählten mir in einem nie gehörten Dialekt, wie ihre Religion funktionierte. Ich hatte Ähnliches schon im Religionsunterricht über mich ergehen lassen müssen, doch hier war alles spannender, weil es besser erzählt war und den Geruch des Geheimnisvollen und Unerlaubten an sich hatte.

Schlagartig waren diese Privilegien vorbei, als in der Zeitung das Konfirmationsfoto mit mir links aussen erschien. Nun hies­sen meine Freunde wieder Peter und Klaus, doch die langsam interessant werdende Damenwelt hiess immer noch exotisch «Sarah, Hannah und Rahel», denn «mit ohne» war ich offensichtlich ein ganz interessantes Objekt. Ich wählte als Ehefrau eine Gleichreligiöse, die allerdings fest auf eine kirchlichen Hochzeit bestand. Sicher ist sicher.

So meisterte ich das Leben ohne Behindertenausweis, vergass meine fehlenden drei Zentimeter, bis vor Kurzem, als in einem Presserummel alle Kantonsspitäler Sonderkonferenzen abhielten, ob sie weiterhin ein- bis zweimal im Monat Entweihungen von männlichen Babys vornehmen dürfen. Politikerinnen wurden vor laufender Kamera schamrot, weil sie weder Erfahrung noch Statements dazu hatten und retteten sich in «die freie Entscheidung des Einzelnen». Ein Konsens oder eine Volksabstimmung darüber sind auch nicht in Sicht. Also bleibt mal wieder alles beim Alten. Und wenige Auserlesene werden das Besondere sein. Beziehungsweise nicht mehr haben. Ätsch!

(Wolf Buchinger/Nebelspalter)

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