Der Dorfschweizer
publiziert: Mittwoch, 5. Sep 2012 / 16:30 Uhr / aktualisiert: Freitag, 7. Sep 2012 / 15:17 Uhr
Schlorian (Stefan Haller)
Schlorian (Stefan Haller)

Vor zwanzig Jahren hat die Zeitschrift «Schweizer Woche» den «Dorf-Schweizer des Jahres» gesucht.

Schon 1992 war die Zersiedlung ein grosses Thema und so erstaunt es nicht, dass die Schweizer Woche auch die Probleme der Agglomeration unter die Lupe nahm. Der «Dorf-Schweizer» von 1992 hiess Robert Flückiger, wohnhaft in Brugg. Er erhielt damals ein Jahresabo und seine Frau einen dicken Blumenstrauss.

Mich interessierte, was Robert Flückiger in den letzten 20 Jahren alles erlebte und wollte ihn besuchen. Jerome Eisner, Student an der Schweizer Journalistenschule MAZ, hat mich begleitet und wollte die investigativen Fragen stellen. Ich war einverstanden.

Ich habe mich auch vorbereitet. Es ist lange her, dass ich in die Agglomeration fuhr. Man spricht zwar in Zürich immer wieder davon, aber bringt dann doch nicht den Mut auf, mit dem Postauto dorthin zu fahren. Student Eisner recherchierte verschiedene Reisevarianten. Ich entschied mich für den sichersten und wählte die Zugvariante aus. Im kleinen Bahnhof von Brugg sahen wir viele Menschen aus dem Zürcher Ballungsraum. Äusserlich sehen sie uns ähnlich, aber tief drinnen sind sie doch Agglomerationswesen. Sie sind konditioniert, dass der Migros und die Post eine Mittagspause haben und dass ab 19.00 Uhr laute Gespräche nicht erlaubt sind. Ich mahnte Student Eisner noch einmal eindringlich, beim Interview nicht zu schnell und kompliziert zu reden.

Herr Flückiger werkelte gerade im Garten, als wir ankamen. Er winkte uns zu und schrie nach seiner Frau Erna, die gerade eine Rüeblitorte aus dem Ofen nahm. Student Eisner stellte die erste dumme Frage: «Benötigen Sie Ihren Garten zur Selbstversorgung?» Herr Flückiger verstand natürlich nichts. Ich kniff den jungen Studenten und übersetzte auf Agglo: «Der Journalistikstudent möchte gerne wissen, ob der Salat gut schmeckt.» Herr Flückiger sah überrascht auf: «Ja, das tut er!» Erna Flückiger bat uns herein, und ich setzte mich auf ein altes Lipo-Sofa. Ich blickte mich um. Die Wohnung sah noch aus wie auf dem Foto von 1992. Auf dem Röhrenfernseher standen die Pokale vom Schiessverein Brugg und eine Katze aus Speckstein. An den Wänden hingen drei Aquarell-Bilder. Sie zeigten aus verschiedenen Blickwinkeln die Stelle, wo die Limmat und die Reuss zusammenfliessen. Erna hat sie gemalt. Die gute Frau kam jetzt mit einem Tablett zu uns und servierte ekligen Filterkaffee. In der Zuckerdose klebten die Würfel aneinander. Ich forderte Student Eisner zu einem Kaffee auf. Erste Interview-Regel: Niemals einen Kaffee abschlagen.

«Herr Flückiger, arbeiten Sie immer noch bei der SBB?», wollte ich wissen. «Ja, Betriebsdisponent!» Ich hatte keine Ahnung, was das ist, schaute fragend den Journalistikstudenten an und wandte mich an Erna: «Und Sie, gute Frau, Sie leiten immer noch den Kirchenchor, oder?» - «Ja, schon.»

Von meiner Seite hatte ich keine Fragen mehr. Es war halt sehr gemütlich im Hause Flückiger. Die Rüe­blitorte schmeckte sehr gut, ebenso der Pfefferminztee. Was soll ich auch mehr fragen, dachte ich. Hier bleibt die Zeit stehen. Ich kann in 20 Jahren nochmals kommen, und alles würde genau gleich aussehen. Natürlich, Student Eisner musste noch ein paar intime Fragen stellen. Er studiert halt an der Schweizer Journalistikschule MAZ. Eine Frage von ihm: «Empfinden Sie sich als Agglomerationsbewohner oder als Dorfbewohner, und wenn ja, warum?» Stille. Dann Erna: «Ja, im Dorf haben wir auch einen Volg.»

Ich bedankte mich bei den Flückigers und wünschte Gottes Heil. So etwas wünscht man sich in der Agglomeration. Zufrieden setzte ich mich im Zugabteil hin und schaute raus aufs vorbeiziehende Land. Student Eisner tippte bereits eifrig in seinen Computer und hörte nochmals die Tonbandaufnahme ab.

(Beni Frenkel/Nebelspalter)

?
Facebook
SMS
SMS
Nicht schon wieder!  Was ist nur los mit der Schweiz? Erneut erregt eine schlüpfrige Geschichte die Gemüter. Nach exklusiven Recherchen der «Neuen Schweiz am Mittwoch» wurde die Pornodarstellerin Ludmilla D. (30) fristlos entlassen, weil Sie am Arbeitsplatz Büroarbeiten erledigte. 
Langeweile im Bundeshaus Nach Bekanntwerden seiner Nackt-Selfie-Affäre liess der Badener Stadtammann und Nationalrat Geri ...
Heute 14 Uhr Riesen-Nackt-Selfie auf dem Bundesplatz! Flucht nach vorne: Starfotograf Spencer Tunick schiesst heute im ...
Filmfestival Locarno  Zwölfdreiviertel Stunden dauert der Gewinnerfilm in Locarno: Der schwarzweisse Stummfilm «Nidi xungi papal» («Das weisse Blatt ») des südkletorgischen Regisseurs Sin E. Mascop erzählt in subtilen Bildern die Geschichte eines jungen ostmakronesischen Filmemachers, der als Jurymitglied an einem Filmfestival in jeder Vorstellung nach wenigen Minuten einschläft und sich trotzdem clever durch die Preisvergabe mogelt.  
Das Regenwetter hat Folgen  Landwirtschaftsministerin Doris Leuthard hat heute vor den Bundeshausmedien die ...
 
AKTUELLE AUSGABE
Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Juli/Augsut-Ausgabe

Nebelspalter Nr. 7-8/2014 ist ab dem 4. Juli 2014 am Zeitschriften-Kiosk, im Abo oder als E-Paper-Download erhätlich. Zum Inhalt.

 

Nächste Ausgabe

Nebelspalter Nr. 9/2014

 

 

Der nächste
‹Nebelspalter›
erscheint
am Freitag,
5. September
2014

 

Titel Forum Teaser
  • kubra aus Port Arthur 3076
    Dä Näbi wieder mal auf den Punkt gebracht. Mi, 09.07.14 01:37
  • thomy aus Bern 4151
    Geldgier .... schäbige ... billige ... ... hat hier eindeutig gesiegt! Wie blöd muss man/frau sein, WIR ... Di, 10.06.14 16:01
  • keinschaf aus Wladiwostok 2565
    Ist das Julja T... aus der Ukraine oder Chita aus der Sendung von und für Tunten? Do, 15.05.14 23:47
  • keinschaf aus Wladiwostok 2565
    Trifft den Nagel auf den Kopf! Mit dem von den Systemmedien ... Mi, 30.04.14 20:10
  • keinschaf aus Wladiwostok 2565
    Traurig... ...aber Tatsache. Die beste Satire liefert die Realität. Di, 29.04.14 13:04
  • Heidi aus Oberburg 1005
    Kann ich, keinschaf Einer meiner Chefs wohnt in einem Reihenhaus, der Junior Chef in einer ... Sa, 12.04.14 13:36
  • keinschaf aus Wladiwostok 2565
    Ich habe keinen gehört. Wegen den paar Studenten, die jetzt nicht mehr auf Kosten von Erasmus ... Fr, 11.04.14 21:21
  • solaso aus Fislisbach 4
    Wählen und Abstimmen Wären all jene jungen Leute, welche nach der Abstimmung lauthals über ... Fr, 11.04.14 15:02
Geht es nach dem Bundesrat, sollen die Läden länger geöffnet haben.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
DO FR SA SO MO DI
Zürich 8°C 15°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Basel 7°C 15°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
St.Gallen 9°C 16°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Bern 9°C 20°C leicht bewölkt leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Luzern 11°C 20°C leicht bewölkt leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Genf 10°C 21°C leicht bewölkt leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Lugano 14°C 25°C leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten