Tor des Monats
David Cameron
publiziert: Freitag, 26. Feb 2016 / 00:00 Uhr
 
 

Eigentlich wollten wir die Sache ja unter dem Deckel halten. Denn zweifellos geht es dabei um eine der peinlichsten Pannen in meiner Karriere...

Huber trifft keine Schuld, auch wenn er den Flug gebucht hatte. Dass etwas nicht stimmen konnte, hätte mir im Grunde schon dämmern müssen, als ich für volle zwölf Stunden auf Flug LX 40 sass und mich auf das Interview in L. A. vorbereitete. Internationale Prominenz begegnet unseren Terminanfragen übrigens in der Regel stets positiv, das ist nichts Aussergewöhnliches. Gerade im englischsprachigen Ausland wird bei «Tor des Monats» vermutlich oft auf den nordischen Gott «Thor» geschlossen und ein schmeichelhaftes Porträt erwartet.

Das Grandiose war ja, dass ich mich mit Cameron mehr als eine Viertelstunde sehr angeregt unterhalten hatte, bis die Verwechslung endlich aufflog. Dafür, dass ich den Irrtum nicht allein schon aufgrund der sich überhaupt nicht ähnlich sehenden Gesichter bemerkt hatte, mag ich mir selbst keinen Vorwurf machen. Wer ausserhalb Britanniens merkt sich schon das Gesicht eines Premiers, dessen Heimat nur noch der Schatten des einstigen Weltreiches war, das es mal darstellte! Nach Margaret Thatcher habe ich aufgehört, mir die Köpfe zu merken.

So sass ich also bei James, dem Regisseur, und nicht bei David, dem Premier, und unterhielt mich über den vermeintlich unsinkbaren Riesendampfer, der so viel Schlagseite hatte, dass er bald auseinanderzubrechen drohte - ich in EU-Metaphern, er in Errinnerungen an seine Dreharbeiten.

Huber, wie schon erwähnt, kann ich keinen Vorwurf machen. An der Redaktionskonferenz vor fünf Tagen hatte ich es mit ziemlicher Sicherheit tatsächlich so gesagt: «Ich brauche einen Termin mit Cameron, bevor das Schiff ganz abgesoffen ist.»

Noch immer kann ich selbst kaum glauben, wie lange sich das Interview hinzog, ohne dass der einen oder anderen Gesprächsseite daran etwas Seltsames aufgefallen wäre. Gut möglich, dass ich sogar das ganze Interview über die Bühne gebracht hätte, schwelgend in all diesen vermeintlichen Wortspielchen von der «unsinkbaren Titanic», oder vom «Boot, das voll ist» oder den «verschlossenen Schotten». Doch dann stellte ich die verhängnisvolle Frage, wie lange sich Angela und François ihrer Meinung nach wohl noch über Wasser halten könnten. Da stutzte der Regisseur und Oscar-Preisträger James Cameron zum ersten Mal und fragte irritiert zurück, ob ich denn nicht von Rose und Jack spräche.

Huber gelang es dann leider vor Redaktionsschluss nicht mehr, mir auf die Schnelle Flug LX 332 nach London Heathrow zu buchen. Selbstverständlich verbietet es mir meine journalistische Grundüberzeugung, an dieser Stelle von einem Zusammentreffen mit David Cameron, dem britischen Premier, zu flunkern und anhand von Zitaten, die man durchaus leicht im Internet finden könnte, ein eigenes Interview über die «Brexit»-Abstimmung vom 23. Juni und sein auseinanderbrechendes Kabinett vorzutäuschen.

Der andere Cameron übrigens, der Regisseur, nahm die Sache mit Humor. Er erzählte mit Anekdoten von Verwechslungen, die ihm selbst schon unterlaufen waren und versicherte mir, dass er an Europa ganz besonders die Schweiz liebe und zur Premiere von «Avatar» 2009 sogar selbst einige Tage in Stockholm verbrachte.

Betonen möchte ich, dass ich dieses Missgeschick vor allem deshalb so ausführlich thematisiere, um in einer Zeit permanenter Kritik an den Medien eigene Fehler transparent zu machen und so hoffentlich etwas Vertrauen zurückzugewinnen.

Keinesfalls sollen die Vergleiche zwischen Titanic und EU irgendwie einen Wunsch nach dem Scheitern der Europäischen Union insinuieren. Vielmehr könnte das 1912 gesunkene Schiff ein Mahnmal dafür sein, dass allzu grosse und starre Strukturen mit gewissen Risiken einhergehen und flexiblere, heterogene Gebilde durchaus ihre Vorteile haben können. 

Mich hat die Geschichte zudem gelehrt, im Redaktionsalltag künftig präziser formulieren zu müssen. Für mein nächstes Interview treffe ich deshalb den «amtierenden Bundespräsidenten» und etwa nicht bloss den «höchsten Schweizer» - sonst sitze ich womöglich schon demnächst in der S-Bahn nach Herrliberg statt im Intercity nach Bern.

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

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