Tor des Monats
Christoph Mörgeli
publiziert: Mittwoch, 4. Apr 2012 / 20:02 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 8. Jul 2015 / 16:09 Uhr
 
 

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Christoph Mörgeli in glühendem Eifer für seinen Namensvetter und Ziehvater ins Zeug legt.

1 Meldung im Zusammenhang
Doch kaum geschah dies so verbissen wie in den letzten Tagen, im Anschluss an die Haus­durchsuchung in Herrliberg. Keine Person des politischen Lebens wird hierzulande derart oft und offen angefeindet wie Mörgeli, nicht einmal der Übervater selbst; keinem Politiker wird häufiger etwas Mephistolisches, ja inhärent Böses unterstellt.

Mehr als einmal hat der gegen die oft sehr einseitig negative Berichterstattung der Mainstream-Medien über den Zürcher Historiker und Nationalrat Position bezogen, auch wenn es selbst für erfahrene und wohlmeinende Journalisten nicht einfach ist, zur Privatperson Mörgeli hinter dem Politiker vorzudringen. Bei aller Medienpräsenz ist denn auch auffallend wenig über ihn bekannt: Er gilt als intellektueller Stratege der Partei, ist Titularprofessor und Konservator des Medizinhistorischen Museums Zürich. «Ein Museum, in dessen Regalen sogar noch Gruseligeres zu finden sei als hinter dem Schreibtisch des Konservators», so ein gerne geflüsterter, schlechter Witz seiner Widersacher im Bundeshaus. Daneben weiss man vielleicht noch, dass er Vizepräsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung ist und dass in seinem Handy die Kurzwahl 1 für Blocher und 2 für Tele Züri gespeichert ist. Und: Dass er leidenschaftlich Presseartikel über treue Hunde sammelt, die kurz nach dem Tod ihres Herrchens ohne medizinische Erklärung selbst eingangen sind.

«Ein unheimlicher, scharfsinniger Professor, der eine morbide Passion für Totentänze hat, inmitten von anatomischen, in Formaldehyd eingelegten Missbildungen», resümierte schon 2003 Carol Salm-Richter in einem viel beachteten Porträt in den , «das könnte ohne Weiteres aus der literarischen Feder eines E.T.A. Hoffmann stammen.» - Sollte an den Gerüchten, die seit neuem in Bundesbern die Runde machen, etwas dran sein, würden die mit ihrem Vergleich mehr Recht gehabt haben, als sie hätten ahnen können.

Die Vorgeschichte Zur Erklärung muss etwas ausgeholt werden: Die Geschichte führt zurück ins 18. Jahrhundert und in den Schweizer Jura, der just in dieser Zeit zum weltweiten Zentrum der Uhrenfertigung und Feinmechanik avancierte. Zu den ganz Grossen seiner Zeit zählte Pierre Jaquet-Droz (1721 - 1790), der neben komplizierten Uhren vor allem mit seinen drei Androiden (menschlichen Automaten) Erfolge feierte. «L'Écrivain», «le Dessinateur» und «la Musicienne» schrieben, zeichneten und musizierten verblüffend menschengleich und tourten während Jahrzehnten durch ganz Europa (heute eine Hauptattraktion im Kunsthistorischen Museum Neuenburg). Für Jaquet-Droz öffneten sich die Tore zu den europäischen Königshäusern in Paris, London und Madrid. Lange hielt sich damals das Gerücht, Jaquet-Droz hätte im Auftrag des französischen Königs Ludwig XVI. an einem vierten, noch genialeren Androiden gearbeitet. Tatsächlich lassen sich in den Rechnungsbüchern des Versailler Hofs Zahlungen von mehreren Zehntausend Francs an Jaquet-­Droz nachweisen, darüber hinaus präsentiert sich die Quellenlage jedoch sehr karg. Jaquet-Droz erwähnt in seinen Handschriften mehrfach die Arbeit an einem Mech­a­nismus, den er «Le Loyaliste» nennt. Und im Spätwerk des Neuenburger Jakobiners Jean Paul Marat findet sich die Schilderung eines programmierbaren Androiden «mit stechendem Blick, welcher mit schnarrender Stimme politische Reden halten» konnte. Ob Jaquet-Droz einen solchen Apparat je in Angriff nahm oder gar fertiggestellt hat, liegt dennoch im Dunkeln.

Erst vor wenigen Monaten hat eine Entdeckung im Neuenburger Kantonsarchiv die alte Legende wiederbelebt: Ein Eintrag aus dem Jahr 1976 vermerkt vage den Verkauf eines «Mechanisme humanoide N° 4» an einen anonymen «Zürcher Kunstsammler». Es ist dasselbe Jahr, in dem im Umfeld Blochers erstmals ein gewisser Christoph Mörgeli von sich reden macht. Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt vorschnelle Schlüsse sicher unangebracht sind, würde die Entdeckung am Mysterium Mörgeli einiges erklären: Die antiquierten Wertevorstellungen, die Faszination für den Tod, den er selbst nicht kennt, das blecherne Abspulen der immer gleichen Rhetorik, auch die über Jahrzehnte gleiche Frisur oder der irritierende Umstand, dass die Augen stets gleich hypnotisierend starren, selbst wenn sich der Mund krampfthaft zu einem Lächeln formt. Vielleicht war dieser Konstruktionsmangel auch der Grund, warum Pierre Jaquet-Droz den «Loyalisten» zu Lebzeiten nie der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

?
Facebook
SMS
SMS
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Der Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli hat sich am Montag zu den Querelen um seine Arbeit als Medizinhistoriker ... mehr lesen 2
Christoph Mörgeli heute im Parlament.
 
 
Tor des Monats  Normalerweise steht diese Rubrik ziemlich exklusiv nationalen und internationalen Grössen aus Politik und Wirtschaft offen, aber heute möchten wir diese Zeilen nutzen, um uns für Ronja Furrer aus Lüterkofen, Kanton Solothurn, einzusetzen. Denn Ronja Furrer hatte in den vergangenen Tagen mehr Stress, als ihr lieb war (Vorausgesetzt, dass ihr der gleichnamige Rapper und Freund noch immer lieb ist)... 
Tor des Monats  Hat Bischof Huonder öffentlich zur Gewalt gegen Schwule und Lesben aufgerufen, indem er aus dem Alten Testament Texpassagen gegen Homosexuelle zitierte? Eine bibelkritische ...  
 
Tor des Monats  Wenige Monate ist es her, da erzählte ein schmächtiger Whistleblower in einem Hongkonger Hotelzimmer der erstaunten Welt, dass ameri­kanische Geheimdienste jedes kleinste ...  
Tor des Monats  Er sieht im Moment verdammt alt aus, der Cavaliere! Und nebenbei bemerkt, er ist es auch. 77 Jahre alt. Nur noch ein paar Jahre älter müsste er sein, und «das lästige Ding, das immer wieder zurückkehrt, wenn man es wegwirft» wäre nach ihm benannt worden - und hiesse nicht «Bumerang», wie es für 1827 erstmals verbürgt ist. Silvios Umfragewerte jedenfalls sind schon wieder am Zurückkommen.  
AKTUELLE AUSGABE
Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Februar-Ausgabe

Nebelspalter Nr. 2/2016  ist ab dem 29. Januar 2016 am Zeitschriften-Kiosk, im Abo oder als E-Paper-Download erhätlich. Zum Inhalt.

 

Nächste Ausgabe

Nebelspalter Nr. 3/2016

 

 

Der nächste
«Nebelspalter»
erscheint
am Freitag,
26. Februar 2016

 

Titel Forum Teaser
Guy Parmelin sorgt sich um die Gewalt im Nahen Osten. (Archivbild)
Bundesrat Parmelin fordert Ende der israelischen Siedlungspolitik Bern - Die Verteidigungsminister der ...
 
Wettbewerb
   
Die geladenen Gäste werden eine Fahrt durch den mit 57 Kilometern längsten Bahntunnel der Welt machen.
Gotthard-Basistunnel  Bern - 160'000 Personen haben sich bis zum Ablauf des Wettbewerbs für Fahrkarten in jenen beiden Zügen beworben, die am 1. ...
Eröffnungsfahrt zu gewinnen  Bern - Wer am 1. Juni 2016 in einem der beiden Züge, die den Gotthard-Basistunnel eröffnen, mitfahren will, kann sich nun um Fahrkarten bewerben. ...
Stellenmarkt.ch
wetter.ch
SO MO DI MI DO FR
Zürich 0°C 4°C bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen
Basel 0°C 4°C bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall
St.Gallen 2°C 7°C bewölkt, wenig Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen
Bern 3°C 6°C bewölkt, wenig Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen
Luzern 3°C 9°C bewölkt, wenig Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen
Genf 4°C 9°C bewölkt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen
Lugano 0°C 7°C bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten