Röstigraben
Bonjour, nos amis!
publiziert: Samstag, 6. Okt 2012 / 09:52 Uhr / aktualisiert: Samstag, 6. Okt 2012 / 10:18 Uhr
 
 

Der patriotische Schweizer erwähnt im Ausland gerne die Vielsprachigkeit seines Landes. Man kann das immer sagen, probieren Sie es in Ihren nächsten Ferien aus!

Wenn Sie beispielsweise auf die Steueraffäre mit Deutschland angesprochen werden, antworten Sie einfach: «Wussten Sie, in der Schweiz spricht man vier Sprachen.» Sie ernten irritierte Blicke, und die Leute wechseln den Gesprächspartner. Hey, versprochen, das funktioniert immer.

Gut. Während die Tessiner über die Mittelländer lachen, weil sich diese selbst perfektes Italienisch attestieren, nachdem sie in Ascona erfolgreich zwei Kugeln Pistazieneis bestellt haben, kämpfen die Rätoromanen um ihr linguistisches Überleben: Keiner ausser ihresgleichen versteht sie. Ein Teil der Tierwelt vielleicht noch, wobei die betreffenden Arten immer mehr aussterben. Aus Solidarität mit den Rätoromanen spricht das restliche Bündnerland einen für Unterländer unverständlichen Dialekt. Klingt irgendwie nach Halsschmerzen.

Viel bedeutsamer allerdings ist die Sprachgrenze zwischen der deutschen Schweiz und der Westschweiz. Der Röstigraben trennt die leichten Deutschschweizer von den légèren Romands, was natürlich nicht ganz einfach ist. Denn es gibt auch Orte, die sozusagen im Graben liegen: Deren Einwohner sind sich nicht ganz einig, also sind sie zweisprachig, ganz nach gutem, altem Schweizer Kompromiss. In Freiburg oder Biel wird zum Beispiel Deutsch und Französisch gesprochen. Ach ja, und in Zürich sogar Deutsch, Albanisch und Türkisch.

Und trotzdem scheint das sehr gut zu funktionieren (ausser bei der Schweizer Armee, aber das ist eine andere Geschichte). Es ist so ähnlich wie beim Turm zu Babel, während dessen Bau sich die Menschen plötzlich nicht mehr verständigen konnten. Besuchen wir heute eine Baustelle, so sehen wir die Parallelen zu dieser Geschichte. Der Vergleich hinkt allerdings ein bisschen: Beim Turmbau zu Babel hätten damals die Romands gar nicht mitgeholfen, so unglaublich faul sind die. Das ist kein Klischee! Die meisten sind sogar zu faul, um Schweizer Dialekt zu lernen. Man stelle sich das vor! Das macht den Mittelländer richtig wütend!

Und jetzt, liebe Leserin, lieber Leser, findet dieser Text hier sein abruptes Ende. Ich habe keine Lust mehr, weiterzuschreiben. Da bin ich Romand. Au revoir!

(Jürg Ritzmann/Nebelspalter)

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