Einfach nur krank
Aus dem Tagebuch eines Krankenkassenmanagers
publiziert: Donnerstag, 3. Nov 2016 / 18:36 Uhr / aktualisiert: Freitag, 4. Nov 2016 / 17:49 Uhr
 
 

Montag
Sitzung mit den Marketing-Fritzen. Die wollen zusätzlich 80 Verkäufer einstellen, um keine Marktanteile zu verlieren. Habe dem Hürzeler einen Extrabonus versprochen, wenn er das schafft. Nachmittags mit dem Finanzchef in der Cafeteria. Berufspessimist Fisler sieht schon wieder rot und will nächstes Jahr eine Prämienerhöhung von 7 Prozent. Habe ihm 6 geboten. Mach mir damit doch nicht den eigenen Bonus kaputt.


Dienstag
Pressekonferenz im Bahnhofbuffet. Die Neue von der Sozialistischen Wochenpost fragt, wieso wir die Coiffeusen diskriminieren und keine Kopfmassagen zahlen. Hat denn niemand den Mut, diese Journalistin krankzuschreiben? Neben der Kommunistin sitzt ein Junkie und will wissen, wann wir Leserbriefschreiben als psychohygienische Therapiemassnahme in den Grundleistungskatalog aufnehmen. Journalisten ...


Mittwoch
Runder Tisch mit dem BAG. Das Amt will durchdrücken, dass gebärwillige Mütter einen Kurs besuchen müssen, bevor sie ihre Kontrazeptiva absetzen dürfen.


Donnerstag
Krisensitzung mit der PR-Abteilung. Das BAG schreibt in einer Pressemitteilung von einem Einverständnis der Krankenkassen zur Finanzierung von wöchentlichen Gesundheitschecks bei Senioren ab 38 Jahren. Frei erfunden. Wir bringen eine Gegendarstellung und klären darüber auf, dass der Personalbestand im BAG von 467 auf 7355 gestiegen ist.


Freitag
Zu Hause gearbeitet, dann Fernsehabend. TV-Duell zwischen der Präsidentin der Basler Müttervereinigung und dem Sekretär einer basellandschaftlichen Ortspartei. Die Mütter verlangen, dass die Frenke in Zukunft geheizt wird, damit sich nicht wieder Schulkinder beim Baden erkälten. Vorbeugen sei besser als Heilen.


Samstag
Mit Erika shoppen gegangen. Ein Cross Trainer, zwei Paar Wanderschuhe, ein Rucksack. Den Rucksack übernimmt die Krankenkasse nicht. Eigentlich unlogisch.


Sonntag
Erika ist schlecht gelaunt und rechnet mir vor, dass wir bereits zwanzig Prozent mehr für die Krankenversicherung ausgeben als für den Haushalt und die Verpflegung. Als ob ausgerechnet ich die Prämien kalkulieren würde. Im nächsten Leben heirate ich keine Buchhalterin mehr.


Montag
GL-Sitzung. Der Verwaltungsrat will sparen. Die Kosten fürs Personal seien zu hoch. Zum Glück wissen die noch nicht, dass der Hürzeler gerade 80 Verkäufer einstellen will. Dessen Stellvertreter schlägt vor, im Innendienst hundert Leute abzubauen und den Kundendienst nach Bulgarien auszulagern. Hürzeler bekommt 12 Millionen mehr für Werbung.


Dienstag
Meine Assistentin ist wegen erhöhten Risikos einer postkoitalen Depres­sion für zwei Wochen krankgeschrieben und lässt sich jetzt in der Südtürkei behandeln. Sonnenlicht sei das Allerbeste gegen depressive Verstimmungen, sagt sie.

Im Fernsehen diskutieren sie wieder einmal über die Reduktion der Gesundheitskosten. Ein Schlaumeier schlägt vor, Krankheit und Unfall administrativ gleich zu behandeln und so Kosten zu sparen. So ein Schwachsinn. Das kostet am Schluss nur wieder Arbeitsplätze.

Mittwoch
Die Rechtsabteilung des BAG droht mit einer Klage. Der Personalbestand des Bundesamtes betrage nicht - wie von uns behauptet - 7355 Personen, sondern nur 7352. Zudem seien davon 14 Personen in einem Teilzeitpensum beschäftigt. Die wollen sich tatsächlich mit unseren zweihundert Anwälten anlegen. Mal sehen, wer mehr Schnauf hat.


Donnerstag
Schon wieder: Krisensitzung mit den PR-Leuten. Eine dieser Boulevardzeitungen behauptet, im Kanton Genf sei ein Hausarzt verhungert, weil wir dessen Leistungen nicht rechtzeitig abgerechnet hätten. Gottlob haben meine Kinder Betriebswirtschaft und nicht Medizin studiert.


Freitag
Der Fall Büchel geht vors Bundesgericht. Büchels Anwalt verlangt vom BAG nun Schadenersatz, weil die ihn nicht über die Gefahren beim Genuss von Bratspeck informiert haben. Dass Bratspeck den Darmkrebs quasi garantiert, weiss jedes Kind. Dennoch gönne ich den Beamten den Ärger.


Samstag
Wieder mit Erika shoppen gegangen. Habe den Cross Trainer zurückgegeben und mit der Gutschrift nun einen Weinschrank gekauft. Das Foltergerät wäre sowieso im Keller verstaubt.


Sonntag
Erika hat noch schlechtere Laune als letzten Sonntag. Heute will sie wissen, wieso wir den neuen Weinschrank mit ebenso teurem Tignanello füllen, wenn doch die Krankenkassen biologisch angebaute Weine übernehmen. In der Sache hat sie Recht, aber dieser Ton ... - Ich schicke sie in eine Kommunikationstherapie. Im Sekretariat haben wir noch Gutscheine.

(Ruedi Stricker/Nebelspalter)

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