Die Geschichte zum Bild
Analog-Gangster vor dem Aus
publiziert: Mittwoch, 30. Mrz 2016 / 07:45 Uhr
 
 

Von der Digitalisierung sind auch Verbrecher betroffen. Die Cyberkriminalität boomt. Die traditionellen Gangster werden ins Abseits gedrängt. Ein Schicksalsbericht.

Ich heisse Hanspeter F. Natürlich ist Hans­peter nicht mein richtiger Name. Und F. nicht mein richtiger Nachname. Ich möchte anonym bleiben. Trotzdem muss ich jetzt hier mal etwas sagen. Weil uns Unrecht geschieht. Wir Verbrecher werden immer als Täter gesehen. Aber wir sind auch Opfer. Opfer der Digitalisierung. Ja. Da staunt ihr jetzt. An uns denkt nie jemand. Wenn es um die Digitalisierung geht, spricht man etwa von den Kassiererinnen, die ihren Job verlieren, weil die Kunden ihre Waren selber scannen. Oder von Briefträgern. Dabei ist unsere Branche ganz besonders betroffen.

Ich bin Bankräuber. Also jedenfalls war ich einer. Bis vor Kurzem. Es ist ein sehr interessanter Beruf. Man ist viel unterwegs, hat Kundenkontakt, auch wenn man natürlich nicht viel reden kann. Man sagt vielleicht «Geld her» und «Hände hoch», aber immerhin, man lernt doch immer wieder Menschen kennen. Und am Schluss sage ich jeweils «Vielen Dank, auf Wiedersehen». Es gibt ja keinen Grund, unhöflich zu sein.

Ich mache nur meinen Job. Also machte. Ich war schon stolz darauf. Man muss auch einiges können. Ich bin zum Beispiel sehr gut im Autoknacken. Das ist wichtig. Am Fluchtauto hängt sehr viel. Audi, BMW, Mercedes, alles kein Problem für mich. Zehn Sekunden, und ich bin drin. Maskiert bin ich immer mit einem Strumpf, wenn ich in die Bank gehe. Also war ich. Ich habe lange getüftelt, bis ich den richtigen Strumpf hatte. Dass er bequem sitzt, aber doch so eng, dass das Gesicht nicht mehr zu erkennen ist. Man muss wirklich an vieles denken. Also musste.

Jetzt ist es vorbei. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber nach langem Hin und Her habe ich beschlossen, mich umschulen zu lassen. Zum Computerhacker. Wenn man sieht, wie jeden Tag Bankfilialen verschwinden, kann man sich ausrechnen, dass es den analogen Bankräuber irgendwann nicht mehr geben wird. Ich beklaue die Banken jetzt digital. Ich lege ihre Webseiten lahm und erpresse sie damit. Natürlich ist auch das eine interessante Tätigkeit. Aber es ist nicht mehr das Gleiche.

Es ist ein Bürojob. Den ganzen Tag am Bildschirm. Am Abend tun mir die Augen weh und der Nacken ist verspannt. Und es fühlt sich gar nicht mehr richtig kriminell an. Es vermittelt ein anderes Gefühl, wenn man mit einer Waffe in der Bank steht. Das war ein Job für Männer. Man muss auch sportlich sein. Also musste. Jetzt vor dem Computer habe ich kaum mehr Bewegung. Ich habe zehn Kilo zugenommen. Es gibt viele Übergewichtige in der Szene der Cyber-Kriminellen. Aber wir haben untereinander nicht viel Kontakt. Jeder sitzt vor seinem Computer.

(Daniel Kaufmann/Nebelspalter)

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