Editorial
Am virtuellen Stammtisch
publiziert: Donnerstag, 29. Sep 2016 / 00:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 3. Nov 2016 / 15:31 Uhr

«Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues», heisst es bei Samuel Becket. Geschichte wiederholt sich, manchmal zumindest. Im Westen nichts Neues, im Osten auch nicht.

Vieles ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Und auch wenn Wein längst aus Flaschen getrunken wird, scheint klar: Wutbürger sind nur als Begriff relativ neu. Der damit gemeinte Personenkreis existiert schon seit Menschengedenken. Früher versammelte er sich am liebsten um massive, runde Holztische. Und auch der Wein war in der Regel nicht weit.

Wutbürgertum ist die Fortsetzung des Stammtisches mit anderen Mitteln. Dank Internet und Social Media finden Frust und Sorgen des kleinen Mannes einen viel grös­seren Resonanzraum als den dumpfen Widerhall im örtlichen Braukeller. In den Kommentarspalten und in der schützenden Anonymität des Netzes entwickeln die eigenen Bieranalysen und Schnapsideen eine ungleich schärfere Tonalität und stärkere Wirkung.

Ja was denn nun? Ist doch nicht alles die ewige Wiederkehr des Gleichen? Ist die Wut vieler Menschen doch ernster zu nehmen als simple Stammtisch-Rhetorik? Reicht Unzufriedenheit als Programm, um Politik zu machen und den Gang der Welt zu beeinflussen? Mehr noch: Steht modernes Wutbürgertum für eine ernst zu nehmende gesellschaftliche Gär­stufe, vergleichbar mit 1789, 1848 oder 1968, stark genug, um das herrschende System aus den Fugen zu heben? Falls ja, haben wir echt mehr zu gewinnen als zu verlieren? Allein: Wer Wutbürgern vorwirft, auf brennende Fragen allzu simple Antworten zu liefern, muss ehrlicherweise einräumen: Auch alle anderen tun längst nur noch so, als hätten sie den Durchblick. Ehrlich, jetzt brauche ich selbst ein Glas Wein. Ihnen eine gute Lektüre!

(Marco Ratschiller/Nebelspalter)

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