Alles Erziehungssache
«Adolf, du hast den David gewürgt!»
publiziert: Mittwoch, 3. Feb 2016 / 07:03 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 3. Feb 2016 / 07:46 Uhr
 
 

Wie eine neu entwickelte Erziehungsmethode in der Vergangenheit viel Leiden erspart hätte.

Eine neue Erziehungsmethode schwappt aus den USA nach Europa: Die straflose Erziehung. Begonnen hat alles mit einem Artikel in der New York Times. Die Kinderpsychiaterin beschrieb darin ihre Beobachtungen mit Kindern, die straflos aufwachsen. Im Unterschied zur antiautoritären Erziehung, so Gluckstadt, bleiben die Eltern die Autoritätsfiguren, aber: «Sie setzen ihre Autorität nicht als Strafe, sondern als Dialogmotivator ein.»

Die beiden Entwicklungspsychologen Richard Twain und Marc Y. Livingstone konnten jüngst nachweisen, dass die «straflose Erziehung» auch klinische Fortschritte bewirkt. Im Nachhinein, so die Forscher, hätten kompetente Eltern wohl viel Unheil vermieden können. In einem gewagten Beispiel zeigen sie nach, wie Mami Hitler ihren Sohn Adolf hätte erziehen müssen.

Vorgeschichte: In der grossen Pause hat Adolf Hitler einen jüdischen Klassenkameraden fast zu Tode gewürgt. Die beiden werden zum Rektor geschickt. Adolf gibt an, dass David ihn bei einem Diktat nicht hat abschreiben lassen. Die Schulleitung verweist David für drei Tage aus der Schule. Die Mutter versucht die Hintergründe von Adolfs Benehmen zu verstehen. Dabei wendet sie die Methoden der «straflosen Erziehung» an.  

Mami Hitler: Adolf, du hast den David gewürgt, das geht nicht. Bist du frustriert, weil er in der Schule besser war als du?
Adolf: Ja, er lässt mich nie abschreiben.
Mami Hitler: Also Adolf, wärst du zufrieden, wenn du auch mal eine gute Note erzielen könntest?
Adolf: Nein, ich will, dass der David nicht immer Klassenbester ist.


Die Mutter fragt nach den Gefühlen.
 

Mami Hitler: Bist du traurig, weil du auch so gut wie David sein möchtest, aber bis heute immer nur im Zeichnen bessere Noten geschafft hast?
Adolf: Ja.


Die Mutter teilt nun auch ihre Gefühle und ihre Bitte Adolf mit.
 

Mami Hitler: Ich bin besorgt um die Sicherheit der Juden. Sag mir bitte, was du brauchst, um David, aber auch die anderen Judenkinder nicht mehr zu verletzen.
Adolf: Ich weiss es nicht.


Die Mutter prüft Adolfs Bereitschaft, über eine andere Strategie nachzudenken.
 

Mami Hitler: Adolf, möchtest du überlegen, was du tun könntest, um ähnlich gut wie David zu sein, statt andere zu würgen.
Adolf: Ich weiss es nicht.


Die Mutter merkt, dass Adolf noch nicht bereit ist.
 

Mami Hitler: Wenn ich etwas möchte, ändere ich meine Worte und sage zum Beispiel: Ich sehe, du hast den gelben Ball, darf ich mit dir spielen? Adolf, willst du auch probieren, andere Worte zu wählen?
Adolf: Ich habe David nur gesagt, dass ich ihn töten will, und auch seine Eltern, seine Grosseltern, seine Cousinen und einfach alle Juden.


Die Mutter merkt, dass ihre Botschaft noch nicht bei Adolf angekommen ist. Sie spricht seinen Frust an.


Mamri Hitle: Ich kann sehen, dass du noch immer sehr frustriert bist, weil du eine schlechtere Deutschnote als David bekommen hast.
Adolf: Ja, und deswegen habe ich ihn gewürgt.
Mami Hitler: Wie hast du ihn gewürgt?
Adolf: Ich habe seinen Hals ganz fest gedrückt, bis David fast keine Luft mehr bekommen hat. Dann ist auf einmal die Pausenaufsicht gekommen und hat mich weggezerrt.
Mami Hitler: Vielleicht kannst du mit anderen Gesten andeuten, dass du möchtest, bei der nächsten Prüfung bei ihm abzuschreiben?
Adolf: Der Jude David wird mich nie abschreiben lassen, ganz egal, wie ich es ihm sage.


Die Mutter merkt, dass eine tiefe Kränkung vorliegt. 

Mami Hitler: Bist du traurig, weil das mit dem Würgen nicht funktioniert hat?
Adolf: Ja, kein Jude lässt mich abschreiben.
Mami Hitler: Das macht dich traurig. Möchtest du, dass diese Leute dir zuhören, aber du weisst nicht, wie du sie dazu bringen kannst?
Adolf: Ja.
Mami Hitler: Du möchtest wirklich, dass dir die Juden zuhören?
Adolf: Ja.


An dieser Stelle hat die Mutter Adolf zum ersten Mal im «Ja». Jetzt sind die beiden in Kontakt. Adolf fühlt sich von ihr verstanden und hört ihr zu.
 

Mami Hitler: Ich bin froh, dass du mir deine Gefühle anvertraust. Ich verstehe, wie hoffnungslos du bist, weil dir die Juden nicht das geben, was du möchtest.
Adolf: Ja.


Die Mutter klärt jetzt erneut die Bereitschaft für die neue Strategie.
 

Mami Hitler: Willst du ausprobieren, wie die Kinder reagieren, wenn du «Bitte» statt «Ich würge dich» sagst?
Adolf: Ja.
Mami Hitler: Wenn du «Jude, lass mich abschreiben!» sagst, könnte das die anderen ärgern. Wie wäre es mit: «Jude, wärst du bereit, mich abschreiben zu lassen?»


Adolf ist noch unsicher.
Die Mutter geht noch einen Schritt weiter und ebnet den Weg auch noch für einen Miss­erfolg.
 

Mami Hitler: Lass uns das versuchen. Wenn du es mit den anderen Juden probiert hast, dann komm zurück zu mir und berichte mir. Und wenn es nicht funktioniert, dann versuchen wir etwas anderes. Wärest du bereit, mitzumachen?
Adolf: In Ordnung.
Mami Hitler: In Ordnung. Und wärest du bereit, dies anstelle des Würgens auszuprobieren?
Adolf: In Ordnung.

(Jonas Werner/Nebelspalter)

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